Klangspur in der Erinnerung

- "Leben heißt, eine Erinnerung zu Ende bringen." Ein Satz von René´ Char, der möglicherweise auf einem dieser kleinen Post-it-Zettelchen neben dem Computer von Patrick Modiano klebte, während er an seinem Roman "Die kleine Bijou" schrieb. In der Pariser Metrostation Châ^telet ereignet sich ein Mikro-Drama, wie wir es aus dem sentimentalen Universum der großen französischen Dramen-Damen Marguerite Duras oder Nathalie Sarraute kennen.

<P>Die junge Thérèse erblickt eine Frau in einem verschlissenen gelben Mantel, deren Allüre Erinnerungen an die eigene Mutter weckt, von der sie als kleines Mädchen verlassen wurde. Während sie den Lebensbewegungen dieser fremden Frau nachstellt, ihre Gewohnheiten studiert, in ihre Alltagsspähre eindringt, gewinnen die Bilder aus ihrer eigenen Vergangenheit langsam an Schärfe: die Wohnung am Bois de Bologne, die wechselnden Männer der Mutter, ihr Bohè`me-Leben als gescheiterte Ballerina, der Aufbruch zu einer Reise nach Marokko, von der sie nie wieder zurückkehrte.</P><P>Das Buch liest sich wie das undatierte "Journal intime" einer jungen Frau, die erkennen muss, das es mit zwanzig endgültig zu spät ist für eine glückliche Kindheit. Ihr Kummer wächst sich aus zu einem "Seelenfraß", der jeden Lebenssinn verschlingt.</P><P>"Was uns umgab, war nur noch Pappdekor."<BR>Thérese in "Die kleine Bijou"</P><P>Erzählt wird aus der Perspektive des Schmerzes. Die Szenarien des Alltags verwandeln sich in ein gespenstisches Kulissentheater, in dem die Protagonistin zulässt, dass ihr Part langsam zu einer stummen Rolle verkommt. "Was uns umgab, war nur noch Pappdekor." Die Nebendarsteller spielen sich unaufdringlich in die leere Mitte dieses Lebens, dem ohne die stabile Herkunfts-Erinnerung ein Fixpunkt fehlt, von dem aus sich die Gegenwart ordnen und gestalten ließe.</P><P>Allmählich übernehmen die Apothekerin von der Ecke, das junge Paar mit der kleinen Tochter, die Conciè`rge im Haus der fremden Frau die Gesprächs- und Lebensführung. "In welchem Buch wohl", fragt sich die Erzählerin, "mochte ich den Ausdruck ,Stammgegend entdeckt haben?" Der Leser dieses Buches muss sich diese Frage nicht mehr stellen. Modiano hat uns den Ausdruck zugespielt. Nicht ohne Grund. Denn die Geschichte ist eigentlich eine Zumutung für Leser, die das Wort Stammgegend nicht mit etwas verknüpfen können, das einen stärker angeht als ein gesichtsloser Häuserblock in irgendeinem Pariser Vorort.</P><P>Aufrichtigerweise kann man dieses Buch nicht empfehlen ohne eine kurze Warnung an den Leser: Wer sich das Buch an einem verregneten Sonntagnachmittag vornimmt, riskiert für zwei, drei Stunden eine milde, nicht unbedingt unangenehme Melancholie. Insofern setzt das groteske Ende einen dramaturgisch dringend notwendigen Gegenakzent: Nach einem Selbstmordversuch mit Schokolade auf Schlaftabletten erwacht Thé´rè`se in der Frühgeburtenstation eines Krankenhauses. Die Brutkästen ähneln Aquarien, die Säuglinge kleinen Fischen, die medizinischen Geräusche brausenden Wasserfällen - "als Zeichen, dass auch für mich, von diesem Tag an, das Leben begann".</P><P>Peter Handke, selbst ein virtuoser Erinnerungsbeender, hat Modianos langsam atmenden Sprachbewegungen in ein unprätentiöses, schwebendes Deutsch übertragen. Am Ende, und das ist vielleicht das Schönste, was es über eine Übersetzung zu sagen gibt, ist man sich nicht sicher, ob man das Buch nicht doch in der Originalsprache gelesen hat. Die Klangspur, die dieses Buch in der Erinnerung hinterlässt, ist die einer französischen Stimme.</P><P>Patrick Modiano: "Die kleine Bijou". Aus dem Französischen von Peter Handke. Carl Hanser Verlag, München/Wien; 152 Seiten; 14, 90 Euro.</P>

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