Die Klangstreichler

- Montag, Tagesschau-Zeit. Papa greift zur Gambe, Mama zum sorgsam gebundenen Notenbuch. Das Töchterchen lehnt sich die Barockharfe an die Schulter, der Sohn schlägt die Theorbe, ein Freund der Familie das offenbar selbstgezimmerte Schlagwerk. Traute Hausmusik. Nur, dass der 900 gebannte Zuhörer beiwohnen und fürs Erlebnis im Prinzregententheater sogar zig Euro gezahlt haben.

Abende mit Familie Jordi Savall sind eben Kult. Zu Recht. Denn der leise Barock-Guru aus Spanien beweist, wie unsinnig Begriffe à la "Crossover" sind. Weil alles irgendwie zusammenhängt, dieselben Wurzeln hat, ungeachtet nationaler, religiöser oder zeitlicher Grenzen. Savalls Programme wie jetzt "Du Temps et de l'Instant" (Aus Vergangenheit und Gegenwart) beschwören einen Zustand, der den Graben zwischen U- und E-Musik nicht kennt. Nur hier senkt sich ein eigentümlicher Zauber aufs Auditorium herab. Nur hier bestaunt man das Nebeneinander einer Liebesfeier von Martin Codax (um 1230), einer katalanischen Volksweise, eines sephardischen Wiegenlieds und "Musikalischer Scherze" von Tobias Hume (1580-1645).

Wobei diesen Klangstreichlern nicht die Interpretation allein wichtig ist, das Quintett bildet ein Gesamtkunstwerk. Es ist eine einzigartige Haltung zur Musik, die sich offenbart: Jordi Savall mit abgeklärter, doch hochemotionaler Gamben-Virtuosität; Montserrat Figueras mit ihrem so charakteristischen, instrumentalen Sopran; Arianna Savall, der man Mutters Schulung anhört, deren Stimme aber noch quellfrischer tönt; Sohn Ferran Savall, eine Art barocker Eros Ramazzotti - und Pedro Estevan, der Trommeln und Tamburin die verblüffendsten Nuancen entlockt. Zwei Stunden Sinnlichkeits-Offensive, über die man das Husten vergaß, die dafür zaghaftes Trampeln provozierte. Ovationen hätten die Savalls womöglich verstört.

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