Der Klang-Treiber

- Das Geschehen auf der Bühne, von einer breiten Medienfront und Wagnerianern als Skandal prophezeit, war nicht das Wichtigste. Das eigentliche Ereignis geschah letzten Sommer im Graben. Wo sich Pierre Boulez fast 40 Jahre nach seinem ersten Bayreuther Dirigat erneut den "Parsifal" vornahm, dabei fast auf die Minute genau im Rahmen seiner früheren Deutung blieb und auf überlegene Weise demonstrierte, wie schwebend und leichtfüßig, wie drucklos und kristallklar Wagner klingen kann: Angesichts solcher Jugendfrische sah Regisseur Christoph Schlingensief ganz schön alt aus.

<P class=MsoNormal>Und auch in diesem Sommer ist Boulez, der an diesem Samstag seinen 80. Geburtstag feiert, in Bayreuth zu erleben. Wobei der dirigierende Komponist stets betont, dass der Job am Pult doch nur eine "Nebenbeschäftigung" sei. Was sicherlich keine kokette Bemerkung ist: Wie kaum ein anderer seiner  Kollegen  hat der Franzose nicht nur die Musik des 20. Jahrhunderts vorangetrieben, sondern sich auch für deren Ermöglichung eingesetzt. Boulez leitete ab 1977 in Paris das Institut IRCAM, das sich mit der Erforschung theoretischer und praktischer Fragen der Neuen Musik auseinander setzt. Und er gründete das Ensemble Intercontemporain, vielleicht das Orchester für zeitgenössische Klänge, nachzuhören kürzlich bei einem Gastspiel im Münchner Prinzregententheater.</P><P class=MsoNormal>"Konzerte sollte man nicht wie ein vorbereitetes Menü konsumieren."<BR>Pierre Boulez</P><P class=MsoNormal>Seine Neugier, seine Offenheit und seine Selbstkritik trieben Boulez immer wieder auf neue musikalische Sektoren. Zunächst war da die serielle Kunst, bis Boulez Schönberg sarkastisch für "tot" erklärte. Dann folgten Experimente mit der offenen, unvorhersehbaren Form, auch mit elektronischen "Zusätzen" und Mikrotonalem. Und je älter er wurde, desto mehr schlich sich eine eigentümliche Klangsinnlichkeit in seine Werke. Ein Wesenszug, den der junge Boulez bei anderen sicherlich mit ätzendem Spott bedacht hätte.</P><P class=MsoNormal>Dass er seinerzeit gar die Opernhäuser in die Luft sprengen wollte, ist ein oft zitiertes Bonmot. Gewiss eine gewollte Übertreibung, im Kern hat sich der Künstler aber nicht gewandelt. Die Routine des Musikbetriebs ist Boulez nach wie vor ein Gräuel, den traditionellen Abo-Betrieb hielt er in einem Interview mit dieser Zeitung für viel zu steif: "Konzerte soll man nicht wie ein vorbereitetes Menü konsumieren, sondern sie sollen frisch sein."</P><P class=MsoNormal>Seine ersten Erfahrungen als Dirigent sammelte Boulez, der in Montbrison an der Loire als Sohn eines Stahlfabrikanten geboren wurde, 1959. Für Hans Rosbaud sprang er damals bei den Donaueschinger Musiktagen ein. Später ging Pierre Boulez zum Südwestfunk-Orchester nach Baden-Baden, gastierte bei anderen großen Ensembles und wurde von Wieland Wagner für "Parsifal" auf den Grünen Hügel verpflichtet. An der vielleicht wichtigsten Bayreuther Produktion der letzten Jahrzehnte war Boulez ebenfalls beteiligt: Er dirigierte den von Patrice Ché´reau inszenierten "Jahrhundert-Ring".</P><P class=MsoNormal>1995 wurde Boulez zum ersten Gastdirigenten des Chicago Symphony Orchestra ernannt, ein Klangkörper, mit dem er auch in diesen Tagen in Berlin seinen 80. Geburtstag feiert. Oft stand er auch am Pult der Wiener Philharmoniker. Und gerade Dirigate aus jüngster Zeit - Mahlers Orchesterlieder etwa auf CD - zeigen, wie wunderbar das Klangbewusstsein der Wiener zum einstmals unterkühlten Sezierer Boulez passt.</P><P class=MsoNormal>Dass seine großen Geburtstage stets "notgedrungen" in zeitlicher Nachbarschaft zu einem anderen Anlass gefeiert werden, ist Boulez natürlich bewusst. Wiewohl er den Jahrestagen des Kriegsendes größte Skepsis entgegenbringt: "Ich finde diese Zeremonien furchtbar, das tötet das Gedächtnis", sagte er einmal. Moralische Positionen seien zwar wichtig, dürften aber nicht demonstrativ eingenommen werden. "Das ist wie eine Mystifikation. Das Gedenken an '45 ist nur dazu da, alles andere Denken aseptisch zu machen."</P>

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