Klasse, Masse, Kasse

- "Da wendet sich der Gast mit Grausen". So heißt ein Theaterabend im sächsischen Freiberg in der kommenden Saison. Aber Nomen ist nicht immer Omen - zumal der Titel in gewiss schöner Selbstironie die Schiller-Ballade "Der Ring des Polykrates" zitiert. Und Schiller ist "in".

<P>Während die Bayern noch mitten in den Ferien stecken, also auch in den Theaterferien, rüsten sich andernorts die Bühnen bereits zum Start in die kommende Saison. Das Geld ist knapp, die Zeiten sind schwer. Mehr noch als in den Jahren zuvor müssen die Theater quasi mit jeder Premiere einen Legitimationsnachweis erbringen: Ist das neue Stück, ist die neue Oper, ist das Ballett seine Subventionen wert? Geschielt wird, zwangsläufig, verstärkt auf Kasse und Masse. Mit Hochmut an den Zuschauern vorbei - das geht nicht mehr.</P><P>Hier eine Übersicht darüber, worauf sich die deutschen Staats- und Stadttheater in der Spielzeit 2004/'05 vornehmlich konzentrieren. Mit dem Hauptaugenmerk auf Bayerns Bühnen und jene interessanten Häuser drumherum. Zunächst die Sparte Schauspiel. Fortsetzung folgt mit der Sparte Musiktheater.</P><P>Wie schon gesagt, der Name der Saison ist Friedrich Schiller. 2005 ist das Schiller-Jahr, denn am 9. Mai begeht die Nation den 200. Todestag des Dichters.<BR>Messinas Braut ungefragt</P><P>Ein Blick auf die Münchner Premieren-Pläne zeigt, dass dieses Datum die Intendanten von Staatsschauspiel, Kammerspielen und Volkstheater ziemlich kalt lässt. Bis jetzt jedenfalls. Alle drei Häuser scheinen sich auszuruhen auf dem, was sie von Schiller schon seit längerem im Repertoire haben: "Kabale und Liebe" am Residenztheater, "Don Karlos" an den Kammerspielen, "Die Räuber" am Volkstheater. Neues nicht in Sicht. Wer das Schiller-Jahr zum Anlass nehmen will, sich mit den Dramen des Schwaben frisch auseinander zu setzen, der muss schon eine kleinere oder auch größere Reise unternehmen.</P><P>Zum Beispiel nach Stuttgart. Dort hat am 19. März "Die Jungfrau von Orlé´ans" Premiere. Es inszeniert die junge Regisseurin Tina Lanik. Darüber hinaus unternehmen die Stuttgarter "Eine Reise mit Schiller zu Schiller. Eine Ortsbesichtigung" _ und zwar am 8. Mai, dem Vorabend seines Todestages. Auf der Suche nach Schiller-Neuinszenierungen wird man innerhalb Bayerns fündig in Bamberg ("Maria Stuart"), Würzburg ("Wilhelm Tell"), Coburg und Memmingen ("Die Jungfrau von Orlé´ans"). Dieses Stück ist auch im nahen Innsbruck zu sehen, und das nachbarliche Salzburg wartet mit den "Räubern" auf.</P><P>Im deutschen Sprachraum insgesamt wird die Hitliste der Schiller-Premieren von "Kabale und Liebe" angeführt (zwölf Neuinszenierungen), gefolgt von der "Jungfrau von Orléans" (elf) und den "Räubern" (neun). "Die Verschwörung des Fiesco zu Genua" wird fünfmal produziert, "Maria Stuart" vier-, "Don Carlos" drei-, "Wilhelm Tell", "Turandot" und "Der Parasit" zweimal. Je einmal finden sich im Programm "Demetrius" (Trier) sowie Schillers einziger Roman - "Der Geisterseher" in szenischer Form (Meiningen). Nirgendwo ein "Wallenstein". Keine einzige "Braut von Messina", was außerordentlich bedauerlich ist.</P><P>Und was hat die neue Saison außer Friedrich Schiller zu bieten? Eine ganze Menge. Kam es vor eineinhalb Jahrzehnten noch einer Sensation gleich, wenn sich ein Theater an Hebbels "Nibelungen" wagte - wie zum Beispiel das Staatsschauspiel Dresden oder das Deutsche Theater Berlin, gehört das dreiteilige Mammutstück in der kommenden Spielzeit fast schon zum "normalen" Repertoire. In München wird es übrigens an den Kammerspielen herauskommen.</P><P>Aber der Blick soll heute über die Theatergrenzen Münchens hinaus gehen. Was hat Augsburg, was München nicht bietet? Zum Beispiel Moliè`res "Der eingebildete Kranke" (2. 10.), Arthur Millers "Der Tod eines Handlungsreisenden" (16. 10.) oder "Das Leben des Galilei" von Bertolt Brecht (19. 2.). In Bamberg widmet man sich Friedrich Schiller mit "Maria Stuart" (2. 10.) und "Turandot" (9. 4.). Als zeitgenössischen Beitrag kommen die Münchner Autoren Albert Ostermaier mit "Vatersprache" und Gert Heidenreich mit "Endgeil" zu Wort.</P><P>Coburgs Spielplan ist nicht ohne Pointe: Neben Schillers "Jungfrau" (1. 10.) hat das Landestheater einen "Karlos" angesetzt, aber nicht den Klassiker, sondern den von Tankred Dorst. Mutig gibt sich das kleine Dinkelsbühl. Es wirbt u. a. mit Tennessee Williams' "Endstation Sehnsucht", Shakespeares "Der Widerspenstigen Zähmung" und mit dem Titel "Die weiße Rose - Aus den Archiven des Terrors" um Zuschauer. Zwei Titel, die am Theater Hof interessant scheinen: "Die Verteidigungsrede des frommen Judas" von Walter Jens sowie "Der Snob" von Carl Sternheim. Und Landshut schielt u. a. mit Shakespeares "Was ihr wollt" und Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" auf Zuschauer auch aus München.</P><P>Heidenreich in Bamberg</P><P>Die Theatermacher von Memmingen zielen mit Schillers "Jungfrau" (6. 3.), Pirandellos "Die Riesen vom Berge" und der Uraufführung "Der Mohr von Memmingen" von Patrick Schimanski aufs Publikum. Eine Reise nach Nürnberg könnte sich für Shakespeares "Othello" und für Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenuntergang" lohnen. Das gilt auch für Regensburg, wo sich "Die Orestie von Aischylos" und Ibsens "Peer Gynt" im Angebot befinden. Für Würzburg könnte man sich vormerken: Schillers "Wilhelm Tell" (9. 10.), Stephen Kings "Misery" sowie Shakespeares "Macbeth".</P><P>Nicht vorbei schauen kann man in der neuen Spielzeit an Ingolstadt: nicht nur, weil dort Goethes "Faust II" inszeniert wird (27.4.), sondern weil das Programm mit Titeln etwa wie "Ben Hur" (Rob Ballard), "Die Optimisten" (Moritz Rinke), "Richard III." (Shakespeare) und "Die Backchen" (Euripides) allgemein interessant erscheint.</P>

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