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Das erste Online-Orchester der Welt ist komplett: Mittels Videoclip konnten sich Musiker auf der Plattform „YouTube“ um einen Platz bewerben. Das Orchester wird vom 16. April an ein Werk des Komponisten Tan Dun spielen.

Klassik aus dem www

München - Die CD-Verkäufe gehen zurück – Plattenfirmen, Musiker, Komponisten und Dirigenten nutzen verstärkt das Internet

Für Verfechter des Vinyls muss die aktuelle Lage schon eine Genugtuung sein. Aber wer hätte damals bei der Einführung der CD auch ahnen können, dass dem „Medium der Zukunft“ nur eine geringe Halbwertszeit beschieden sein würde?

Langsam aber sicher häufen sich Stimmen, die dem kleinen Silberling das Grablied singen und dagegen den digitalen Musik-Download aus dem Internet preisen.

Hatte sich in den Kindertagen des mp3-Formats vor allem die Pop-Industrie mit der nicht immer ganz legalen Art des Musikkonsums zu arrangieren, ist die Welle längst zur Klassik übergeschwappt. Und wo die Downloads zunächst als Anfang vom kommerziellen Ende gesehen wurden, haben auch die großen Labels längst die Chancen erkannt, die der digitale Vertriebsweg bietet. So eröffnete etwa die Deutsche Grammophon Ende 2007 mit viel Tamtam ihren Online-Shop, dessen rund 24 000 Alben zahlreiche vergriffene Archivaufnahmen beinhalten, die nie auf CD umgepresst wurden und so endlich wieder dem Sammler zugängig sind.

Und siehe da, kaum zahlt man 99 Cent für eine Musikdatei, klagt auch keiner mehr über mangelnden Respekt vor der Leistung des Künstlers. Selbst dann nicht, wenn man hier einzelne Sätze separat herunterladen und so einer Bruckner-Sinfonie von Karajan theoretisch ein neues Thielemann-Finale verpassen könnte.

Vor allem aber für die Musiker selbst ist das Internet zu einem wichtigen Medium geworden, um Kontakt mit den Fans oder anderen potenziellen Käufern zu halten: So hat Anna Netrebko derzeit gut 5000 registrierte myspace-Freunde, die sich auf der Online-Plattform über aktuelle Auftritte informieren, und Pianistin Gabriela Montero bittet die Besucher ihrer Homepage explizit um Vorschläge für ihre Improvisationen, deren Ergebnisse sich in kurzen Clips „Live from my living room“ nachhören lassen.

Noch weiter geht das Konzerthaus Dortmund, auf dessen Homepage am Sonntag nicht nur Lang Lang gratis live zu bestaunen ist, sondern die Benutzer sogar selbst komponieren dürfen. „Die nie Vollendete“ entsteht hier mit Hilfe kleiner, frei zu kombinierender Musik-Clips, die immerhin von Stars wie Baiba Skride oder Gautier Capucon eingespielt wurden. Und welcher Komponist kann schon behaupten, dass sein Erstlingswerk von solcher Prominenz aus der Taufe gehoben worden wäre?

Niemandem mehr vorstellen muss man dagegen wohl die Video-Plattform „YouTube“, deren stetig wachsendes Archiv von der Klavier spielenden Katze bis hin zur Karaoke singenden Oma viel Kurioses parat hält.

Dennoch war es eine Überraschung, als dort Anfang des Jahres das Vorspiel für das erste Online-Orchester der Welt stattfand. Mittels Videoclip konnten sich Musiker aus aller Welt für die Aufführung der „Internet Symphony No. 1: Eroica“ bewerben und von den Besuchern der Seite bewerten lassen.

Das Werk stammt vom chinesischen Komponisten Tan Dun, der sich spontan für das Projekt begeistern ließ: „Das Internet ist eine unsichtbare Seidenstraße, die Menschen aus der ganzen Welt verbindet. YouTube ist die größte Bühne der Welt, und ich bin gespannt, was die bislang unentdeckten Genies der Klassik darauf aufführen werden.“ Die Antwort ist vom 16. April an auf YouTube zu hören.

Wer Tan Dun trotzdem lieber analog erleben will, hat von diesem Wochenende an mehrfach Gelegenheit: Im Gasteig erarbeitet Dun mit den Münchner Philharmonikern zwei seiner neuesten Werke.

Konzerte diesen Samstag und Sonntag, jeweils 19 Uhr, sowie am 2., 3. und 4. April. Telefon: 0180/54 81 81 81. Weitere Informationen unter www.youtube.com/symphony und www.die-nie-vollendete.de

Tobias Hell

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