Ein Programm zum Schwärmen und Wohlfühlen gab's am Sonntag bei Klassik am Odeonsplatz.

Freiluft-Spektakel

Klassik am Odeonsplatz: Schwärmen bei Kaiserwetter

München - Rund 8000 Zuschauer lauschten am zweiten Abend von „Klassik am Odeonsplatz“ den Münchner Philharmonikern.

Gab es am vergangenen Samstag beim BR-Symphonieorchester noch vorab Schockmomente durch einen Regenguss (wir berichteten), so herrschte am Sonntag beim Konzert der Münchner Philharmoniker am Odeonsplatz Kaiserwetter. Der Himmel leuchtete blau mit einigen stimmungsvollen Wölkchen und dementsprechend, für generell grantelnde Münchner fast schon gespenstisch, entspannt war die Stimmung auf dem Platz.

Das Programm der Philharmoniker lud aber auch ein zum Schwärmen und Wohlfühlen. Für die Freiluftatmosphäre war dies genau das Richtige, Bekanntes, Schönes, Wirkungsvolles zu bringen. Auch wenn die „Morgenstimmung“ von Edvard Grieg, passend von Vogelgezwitscher untermalt, das abendlich strahlende Sonnenauge über München grotesk kontrastierte. Am Pult stand der junge Pole Krzystof Urbanski. Hierzulande noch weitgehend unbekannt, sodass auch Oberbürgermeister Dieter Reiter in seiner Rede kurz überlegen musste, bevor ihm der Nachname des Dirigenten einfiel. Merken sollte man ihn sich auf jeden Fall, denn Urbanski machte durchweg Bella figura. In Griegs „Peer Gynt“-Suite Nr. 1 nahm er oft, etwa bei Ases Tod, das Orchester bis ins äußerste Pianissimo zurück, was sich in solch einem akustischen Rahmen nicht jeder getraut hätte. Die folgende Fantasie-Ouvertüre „Romeo und Julia“ von Peter Tschaikowsky ließ er sehr durchsichtig musizieren, kein Harfenzupfer oder Holzbläsermotiv ging unter. Da kam auch die hervorragende Arbeit der Tontechniker zur Geltung. Wenige wohl unvermeidbare, weil Wind und Umblättern geschuldete Mikrofonknackser fielen demgegenüber nicht ins Gewicht.

In der Pause gab es dann Gelegenheit, dem Gaumen kühlende Labung zu spenden. Und auch die Prominenz, von Stoiber über Ferres bis Spaenle, erquickte sich, bevor sie mit Fanfaren vom Band, Bayreuth-Puristen mussten weghören, zurück auf die Plätze gerufen wurden, um einem ganz großen Münchner zu huldigen: Carl Orff. Am 10. Juli dieses Jahres hätte er seinen 120. Geburtstag gefeiert. Und was wäre zu diesem Anlass unter freiem Himmel passender als seine „Carmina Burana“? Gleich das „O fortuna“ geriet bombastisch, der Philharmonische Chor (Einstudierung: Andreas Herrmann) ließ genussvoll die Kehlenmuskeln spielen.

Eine pünktlich zur zweiten Hälfte aufziehende Brise unterstrich, zusammen mit der einsetzenden Dunkelheit sowie der Illumination der Feldherrnhalle, die fatalistische Stimmung dieses Beginns. Die leisen Sprechgesänge gelangen dem Chor sehr perkussiv, dessen große Stimmqualität nicht zuletzt die hervorragenden Solisten in ihren kurzen Einlagen zeigten. Auch der Nachwuchs, der Kinderchor des Gärtnerplatztheaters (Einstudierung: Verena Sarré), machte seine Sache famos. Krzystof Urbanski entlockte der Partitur Feinheiten, die sonst gerne im Plakativen untergehen. Jazzelemente, Volksmusik oder am Mittelalter orientierte Passagen kamen reizvoll zur Geltung. In den vielen musikalischen Wiederholungen setzte er unterschiedliche Schwerpunkte, zeigte mit den Philharmonikern verschiedene Klangfarben und vermied so Retardation und Langeweile.

Daniela Fally kämpfte zwischendurch, wohl aus Lokalitätsgründen, mit der Intonation, ließ dann aber ihren gewohnt warmen, runden Sopran leuchten. Bariton Jochen Kupfer fühlte sich besonders beim Trinklied „Ego sum abbas“ sichtlich wohl, Benjamin Bruns stellte stimmlich, mit bruchlosen Registerwechseln, das ganze Leid eines Schwans dar („Olim lacus colueram“). Unter theatralischen Gesichtspunkten fast schade, dass es beim abschließend Anruf der Schicksalsgöttin nicht doch gedonnert und geblitzt hat.

Sendehinweis: BR Klassik sendet einen Mitschnitt des Konzerts vom Sonntagabend am Mittwoch, 5. August, von 18.05 Uhr an. 

Maximilian Maier

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