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Die „Schwanensee“-Version „Swan Lake Reloaded“ ist vom 12. bis 17. März im Münchner Prinzregententheater zu erleben.

Klassik mit dem besonderen Kick

„Swan Lake Reloaded“ im Prinzregententheater

München - Den Tanz der jungen Schwäne aus Pjotr Tschaikowskys Ballett „Schwanensee“ hat nahezu schon jeder einmal gesehen. Die einen klassisch im Ballett, die anderen als Parodie auf einer Weihnachts- oder Geburtstagsfeier.

Auch die Version, die die Zuschauer vom 12. bis 17. März im Münchner Prinzregententheater erleben werden, ist eine besondere. Denn hier beweisen die Tänzerinnen, dass man die Schritte im Liegen erstaunlich grazil auf das Parkett bringen kann – und nicht nur in Spitzenschuhen.

„Tschaikowsky trifft auf Streetdance“ lautet das Motto von „Swan Lake Reloaded“, dem modernen „Schwanensee“ aus der Feder des schwedischen Tänzers und Choreographen Fredrik „Benke“ Rydman. Der 38-Jährige ist in seiner Heimat ein bekannter Tänzer. Nach seiner klassischen Ausbildung gründete er 1997 mit anderen die Bounce Streetdance Company, die mit Streetdance-Shows weltweite Erfolge feierte wie auch 2011 im Deutschen Theater in München. Die Kerngeschichte von „Schwanensee“, dem bekannten Ballett und Märchen über Liebe, Täuschung und Tod, bleibt erhalten, die Thematik wird in die Moderne übersetzt – in Musik, Kostüm und Tanz. So tanzt Prinz Siegfried in roboterähnlichen Zeitlupen-Bewegungen, und der Hofnarr zeigt alles, was das Breakdance-Repertoire zu bieten hat. Trotzdem geht „Schwanensee“ nicht verloren, denn auch mit modernen, energiegeladenen Bewegungen zeigen Siegfried und Odette einen gefühlvollen Pas de deux.

Die Idee hatte „Benke“ 2009. „Es war in London vor dem Schaufenster eines Vintage-Geschäfts. Dort waren einige Pelze ausgestellt, die aussahen wie Schwäne. Oft werden ja Schwäne als Symbol für Prostituierte verwendet, und ich fragte mich, ob das hier beabsichtigt war“, meint der 38-Jährige. „Nach und nach wurden mir die Parallelen klar: Drogenabhängigkeit und Prostitution gehen oft miteinander einher, und Drogen sind ja ganz deutlich der Zauber, mit dessen Hilfe Rotbart die Mädchen in Schwäne verwandelt und unter seinen Bann stellt.“ Die ersten eineinhalb Jahre habe er damit verbracht, Ideen zu sammeln und die Musik von Tschaikowsky immer und immer wieder zu hören. Zweieinhalb Jahre später folgte die Premiere. Weil die Aufführungen sofort ausverkauft und ein großer Erfolg waren, begaben sich die Tänzer nun auf eine Tournee durch Deutschland und nach Wien.

„Swan Lake Reloaded“ lebt von den starken Tänzern, die „Benke“ teilweise schon von Bounce kannte und auf die er die Rollen direkt zuschnitt. Bei Robert Malmborg, der Siegfried verkörpert, habe er gleich den Prinzen vor sich gesehen: „Mit seiner Körpersprache und seiner Art sich zu bewegen vermittelt er das unschuldige Gefühl, in dieser kalten Welt verloren zu sein.“ „Benkes“ Lieblingsrolle ist die von Rotbart. „Daniel Koivunen ist wirklich gut. Rotbart ist ein starker Charakter, auch wenn er nicht oft auf der Bühne ist.“ Der Choreograph ist begeistert von seiner Wahl: „Sie tanzen viel besser als ich in ihrem Alter“, das gelte auch für die anderen Darsteller, die ihm genauso wichtig wie die Hauptfiguren sind. „Es kann nicht nur einen geben. Man muss sich gegenseitig unterstützen, denn die verschiedenen Charaktere tragen zur Entwicklung eines jeden einzelnen bei.“ Wie wichtig ihm die Zusammenarbeit ist, zeigt „Benke“, indem er die Tänzer an der Entwicklung ihrer Rollen teilhaben ließ und sie bei den Tänzen miteinbezog. „Besonders bei den Soli“, schließlich wolle doch jeder die Eigenart des Einzelnen in den Charakter einfließen lassen. „Es ist eine Verschmelzung unserer Ideen“, sagt er. Trotzdem habe er schließlich das Sagen. „Auch wenn es sich hart anhört: Ich bin immer noch der Boss.“

Fredrik „Benke“ Rydman, Choreograph.

Doch nicht nur der Tanzstil macht „Swan Lake Reloaded“ zu einer modernen Version – auch die Kostüme. So sind die Schwäne, die oft das Reine, Unschuldige repräsentieren, hier drogenabhängige Prostituierte. Rotbart, ihr Dealer und Zuhälter, steckt in einem ledrig glänzenden Overall, und die Ballbesucherinnen kommen als Lampenschirm oder Kerzenhalter daher. Mit der Umsetzung von „Benkes“ Ideen hatte es Kostümbildnerin Lehna Edwall anfangs schwer. „Ich wusste nur, dass ich die Schwäne wie süchtige Prostituierte aussehen lassen wollte.“ Stundenlang musste „Benke“ ihr die Tänze vorführen, damit sie sich ein Bild machen konnte. „Und dann wusste ich: Ja, so mache ist das.“ Herausgekommen sind dabei rote Federboas für die „Schwäne“, pinkfarbene Anzüge für Siegfrieds Freunde und eine Uniform für den Vater, der wie ein surrealer Spielzeugsoldat aussieht. Es den Tänzern recht zu machen, sei gar nicht so einfach gewesen, erzählt die 50-Jährige: „Es war ein Albtraum, die richtigen Kostüme zu finden. Einerseits wollen die Tänzer diese weiten, bequemen Kleider, andererseits wollen sie extravagant aussehen.“

Extravagant ist auch die Musik. Das Original wurde mit mitreißenden Beats unterlegt, gesampelt und verfremdet. Außerdem ließ „Benke“ von schwedischen Electro-Produzenten eigene Songs für die Show komponieren. „Die klassischen Melodien sollten anfangs die weichen Gefühle, ausdrücken und die moderne Musik sorgt für den Kick“, sagt der 38-Jährige. Nun sei es zu einer Mischung geworden. Welche Tschaikowsky-Aufnahme verwendet wurde, weiß „Benke“ nicht auf Anhieb, „aber es ist in der Tat die schnellste, da stimmt der Beat, der Rhythmus. Das macht bam, bam“, sagt der 38-Jährige begeistert und sofort spannt er jeden Muskel an und unterlegt das Gesagte mit einer ruckartigen Tanzbewegung. „Benke“ – der Vollblut-Tänzer.

Dass er sich für „Schwanensee“ entschieden habe, habe einerseits an der Begebenheit in London gelegen, andererseits hat er eine Vorliebe für klassische Stoffe. Demnächst inszeniert er auch „Macbeth“. „Klassische Handlungen sind deshalb klassisch, weil sie so gut und die Motive immer aktuell sind.“

Andrea Steiler

Vorstellungen vom 12. bis 16. März, 20 Uhr, 17. März, 15.30 Uhr, Prinzregententheater, Karten: MünchenTicket 089/54 81 81 81 sowie im Internet unter www.muenchenticket.de und www.eventim.de.

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