Klassik im Club: Beethoven erobert „Bob Beaman“

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München - Hochkultur und Clubkultur reichen sich die Hand – in einem Club, in dem sonst elektronische Beats bollern. Die Reihe „Klassik im Club“ bringt in der Münchner Disco „Bob Beaman“ Klassik-Musiker und ihr Publikum in kommunikativer Atmosphäre zusammen.

Vorurteile gibt es genügend, auf beiden Seiten. „Clubkultur?“, fragen sich die einen. Es habe doch nichts mit Kultur zu tun, wenn man bis frühmorgens in einem Raum ohne Fenster herumzappelt und sich dabei Ohren und Leber ruiniert. Für die anderen muffelt ein klassisches Konzert förmlich nach Mottenkugeln: eine Veranstaltung, bei der Menschen in steifer Abendgarderobe aus unüberwindbarer Distanz Menschen in steifer Abendgarderobe dabei zuhören, wie diese mit heilignüchternem Ernst ihre Musikinstrumente bedienen.

Christoph Hanke vom Münchner Club „Bob Beaman“ erzählt da gerne die Anekdote von seinem 25-jährigen Stammgast, der sich an der Bar lebhaft mit der Oma eines anderen Stammgastes unterhielt, einer Liebhaberin klassischer Musik. „Im Gegenzug probierte die alte Dame den ersten Cocktail ihres Lebens, so was hatte sie noch nie getrunken.“ Damals war das Konzert von Linus Roth (Violine) und José Gallardo (Klavier) im „Bob Beaman“ gerade zu Ende, und es hatte beiden Generationen ausgezeichnet gefallen. Darauf kommt es Hanke an: „Wir erreichen ein Publikum, das normalerweise nicht in klassische Konzerte beziehungsweise niemals in einen Club gehen würde.“

„Klassik im Club“ heißt die Reihe, bei der in lockerer Folge junge klassische Musiker in Münchens angesagtestem Club gastieren. Zielgruppe: 18- bis 80-Jährige. Die Idee dazu hatte Maria Nguyen-Nhu, studierte Pianistin und Journalistin. „Ich wollte klassische Musik im zeitgemäßen Rahmen zeigen“, sagt sie. Denn die ewige Diskussion um die Begriffe E- und U-Kultur („ernsthaft“ versus „unterhaltend“) ist sie leid, schließlich sei klassische Musik nicht freudlos und nur für Spezialisten verständlich – allein ihre Darbietung sei mitunter antiquiert. „Wir wollen, dass Musiker und Zuschauer in Kontakt treten können.“

Nguyen-Nhu und ihre Mitstreiterin Christiane Weiss sorgen dafür, dass bei „Klassik im Club“ auch wirklich Clubatmosphäre herrscht. „Wir stellen etwa 60 Hocker auf, ansonsten setzen sich die Leute einfach auf den Boden und loungen“, sagt Weiss. In der Mitte, auf der Tanzfläche, postieren sich die Musiker. Nguyen-Nhu legt vor Konzertbeginn als „DJ Dan-Thanh“ auf (ihr vietnamesischer Vorname). Natürlich klassische Musik. Der Barbetrieb endet allerdings mit Konzertbeginn und geht erst hinterher weiter, schließlich lässt sich das Klirren der Gläser schwer mit der Intimität der Livedarbietung in Einklang bringen. Etwa 170 Besucher kamen zuletzt zu den Veranstaltungen.

Seit etwa vier Jahren sind Nguyen-Nhu und Weiss mit ihrem Konzept unterwegs – anfangs in kleineren Etablissements wie der Münchner Glockenbachwerkstatt oder der Favorit Bar. „Dann haben wir spitzgekriegt, dass da ein neuer Club aufmacht, der klassischer Musik nicht abgeneigt wäre“, erinnert sich Weiss. Vor zweieinhalb Jahren war das, und tatsächlich rannten die beiden bei Hanke offene Türen ein. „Wir wollten mit dem Bob Beaman von Anfang an einen breiten Kulturauftrag wahrnehmen“, sagt der.

Klanglich gibt’s hier eh nichts zu meckern. „Bob Beaman“ hat sich einen Namen als bestklingender Club der Stadt gemacht – und das merkt man auch bei den unverstärkten Klassik-Konzerten. Hanke weist stolz auf die Wände hin, die mit Seekiefernholz vertäfelt sind, was sich akustisch vorteilhaft auswirken soll. Bei genauem Hinschauen entdeckt man im Holz kleine Löcher, 8000 insgesamt – sie dienen der Lärmdämmung. Natürlich gilt es bei diesen besonderen Abenden einiges zu beachten. Auf ein Markenzeichen des Clubs, die bunt leuchtende Deckenfläche, verzichten die Organisatoren in den meisten Fällen. „Die Lüftung der 92 LED-Leuchten brummt einfach zu laut“, sagt Hanke. Nur bei dem Auftritt des klassischen Percussion-Duos „Double Drums“ war das nicht nötig – das machte für die begeisterten Zuhörer einen Rabatz, der an die eigentliche Bestimmung des Clubs erinnerte.

Morgen geht es wieder zarter zu: Da spielt das Streichquartett der Münchner Philharmoniker – Julian Shevlin und Simon Fordham (Violine), Valentin Eichler (Viola) und David Hausdorf (Violoncello) – Werke von Haydn, Schubert und Beethoven. Im Laufe der Veranstaltung werden außerdem fünf Mal zwei Karten für „Klassik am Odensplatz“ verlost.

Wann das nächste Konzert im Club stattfindet, kann Maria Nguyen-Nhu noch nicht sagen. „Es kommt darauf an, wann die Künstler Zeit haben.“ Ein dauerhafter Sponsor, der für einige der Kosten aufkommt, wäre auch nicht schlecht, fügt sie hinzu. An der Begeisterung der Mitwirkenden mangelt’s freilich nicht: „Vielen Musikern hat’s bei uns sogar viel mehr Spaß gemacht als im Konzertsaal“, sagt sie und lacht. „Namen darf ich jetzt aber keine nennen.“

Johannes Löhr

Das Konzert im Club:

Am Donnerstag ist um 21 Uhr Einlass im „Bob Beaman“, Gabelsbergerstr. 4. Restkarten gibt es für 15 Euro an der Abendkasse. Es empfiehlt sich, pünktlich zu sein, denn mit 200 Gästen ist der Club voll.

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