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Sopranistin Anna Netrebko ist jetzt bei First Classics.

Klassikmarkt: Wem gehören die Superstars?

München - Auf dem Klassikmarkt zeichnet sich ein Duell ab: Die Münchner Firma First Classics und die Berliner Deag konkurrieren um die wenigen Superstars, wie Anna Netrebko oder David Garrett.

Kleine Preisfrage: Was unterscheidet die Echo-Preisverleihung anno 2009 von der letztjährigen? Genau: im Grunde nur der Ort. Die Vokal- und Instrumental-Preisträger dagegen bleiben austauschbar – ein alljährliches Klassentreffen der Phono-Branche, das dokumentiert, auf wie wenige Superstars sich der Markt inzwischen verengt hat. Auf Künstler, mit denen sich allein noch Kasse machen lässt, die also dank umfangreicher PR-Feldzüge finanziell „gemolken“ werden können.

Mezzo-Star Elina Garanca ist über das CD-Label Universal der Firma First Classics verbunden.

Entscheidend und strategiebestimmend für die großen Agenturen, die hier die enge Zusammenarbeit mit den CD-Firmen suchen, ist folglich: Wer hat Anna Netrebko im Angebot? Wer kann Lang Lang exklusiv auf dem Markt positionieren? Seit einiger Zeit zeichnet sich hier ein Duell ab – auch wenn die Kontrahenten solch kriegerisches Vokabular ablehnen. Auf der einen Seite agiert die gerade gegründete Münchner First Classics GmbH. Hinter dem neuen Namen verbirgt sich ein alter Bekannter: Andreas Schessl, Münchens größter privater Konzertveranstalter, der sich mit anderen deutschen Kollegen zusammengetan hat und dem dadurch „27 Konzertreihen in zehn Städten und die besten Konzertsäle Deutschlands“ offenstehen, wie frohlockt wird. Entscheidend für First Classics ist die Kooperation mit der Plattenfirma Universal (Deutsche Grammophon, Decca). Und deren Künstler-Riege ist ein Who’s Who der Branche, Elina Garan(c)a, Thomas Hampson, Cecilia Bartoli und Anna Netrebko gehören dazu.

Geiger David Garrett wird von der Deag vermarktet.

Letztere ist übrigens eine „Trophäe“, die man von der Konkurrenz erbeutet hat: Bis vor kurzem trat die Netrebko noch unter dem Dach der Berliner Deutschen Entertainment AG (Deag) auf. Vorstandsvorsitzender ist der gebürtige Hamburger Peter Schwenkow, der 49 Prozent seiner Firma inzwischen nach Japan verkauft hat und mit der CD-Firma Sony zusammenarbeitet. Auch seine Künstler können sich sehen lassen: Jessye Norman, Lang Lang und Crossover-Star David Garrett sind hier im Angebot.

Im Gegensatz zu Schessl ist Schwenkow auf dem Klassikmarkt eher der Quereinsteiger. Was man den Deag-Auftritten anmerkt, die sich bei der Künstler-Präsentation anderer Mittel bedient: „Nehmen Sie nur ,Wetten, dass?‘. Fast in jeder Sendung sitzt da ein Klassikstar auf der Couch“, sagt Schwenkow. „Wir haben gelernt, die Marketing-Instrumente des Pop- und Rock-Geschäfts anzuwenden, sodass diese Künstler einem viel größeren Publikum als früher präsent sind.“

Und wie sieht für Schwenkow der perfekte Klassikstar aus? „Wie Jonas Kaufmann“, lacht er – um gleich wieder ernst zu werden: Der perfekte Star „muss vom Können her über jeden Zweifel erhaben sein. Er muss ein Alleinstellungsmerkmal haben, das wäre bei den Sängern eben ihre herausragende Stimme.“ Und, ganz wichtig: Er muss bereit sein, „in vernünftigem Umfang an der PR-Arbeit mitzuwirken und dies zu mögen“. Gerade Rolando Villazón habe sich schließlich „aus freien Stücken auch in der Pressearbeit verschlissen“.

Vorsichtigere Töne vernimmt, wer mit Andreas Schessl über sein neues Projekt spricht. Der Münchner gilt zwar als knallharter Geschäftsmann, zugleich aber auch als einer, für den der Veranstaltungszirkus viel mit Liebe zu den Sängern, Instrumentalisten und ihrer Kunst zu tun hat. Mit Cecilia Bartoli etwa verbindet ihn eine langjährige Freundschaft. „Rohstoff-Verbrennung“, wie Schessl das schnelle Absahnen mit den Stars nennt, ist mit ihm eher nicht zu haben. „Meine Künstler müssen sich bei mir in erster Linie wohlfühlen.“

Gleichwohl geht First Classics in die Offensive. Musikliebhaber und Künstler, so wird verkündet, kämen gleichermaßen „in den Genuss der bislang umfangreichsten und kreativsten Plattform für die Live-Präsentation klassischer Musik in Deutschland“. Schessls Veranstalter-Verbund kommt unter anderem zugute, dass Anna Netrebkos Agent sein früheres Unternehmen verlassen, einige höchstkarätige Künstler mitgenommen hat und unters Dach der Universal geschlüpft ist.

Die Zusammenarbeit zwischen First Classics und Universal funktioniert allerdings nach dem Modell einer offenen Partnerschaft. „Die Vereinbarung lässt uns die Freiheit, mit welchem Künstler wir arbeiten wollen“, sagt Andreas Schessl. Von den CD-Einnahmen profitiere man nicht. Dennoch werde an gemeinsamen Konzepten gearbeitet, wie Karten- und Plattenverkäufe angekurbelt werden können. Trotz Hampson, Netrebko, Garan(c)a, Terfel & Co.: Schessl will es sich auch nicht nehmen lassen, Entdeckungen zu fördern und reifen zu lassen – falls das heute auf dem Klassikmarkt überhaupt noch möglich ist.

Gemeinsam ist First Classics und Deag, dass sie nicht nur in der Hochkultur aktiv sind, sondern mit „Crossover“-Projekten und leichterer Muse gutes Geld verdienen, damit zum Teil ihre Klassik-Anstrengungen querfinanzieren. „Ein Lagerdenken“ wird von Schessl abgelehnt, er betrachtet die Deag nicht als Feind, schließt auch eine Kooperation mit den dort beheimateten Künstlern nicht aus. Das Duell der Giganten mag auch Deag-Chef Schwenkow nicht erkennen, allerdings aus anderen Gründen: „Mit allem Respekt für die Kollegen, ich halte First Classics eher für einen Regional-Giganten.“

Markus Thiel

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