Klassisches prickelnd aufgefrischt

- Verkehrsadern sind auch nützlich - wenn sie reine Brachen sind. Denn hier schlummern Chancen für die Museen. In München fand das Lenbachhaus ein Erweiterungsplätzchen in einem nicht benötigten U-Bahnhof für den Kunstbau. Stuttgart ging es genauso. Für das neue Kunstmuseum wurden aufgelassene Straßentunnels unter dem Schlossplatz umfunktioniert.

<P>Wer dort von der Königstraße kommt, merkt davon gar nichts. Ein hochgezogener, nur von Ferne an das Kunsthaus Bregenz erinnernder Glaskubus, nicht mächtiger als die umliegenden Bauten, fügt sich in die Platzfront ein. Dezente Optik. Betritt man aber das neue Kunstmuseum Stuttgart (67 Millionen Euro), gleitet das Auge überrascht weiter, weiter in den Hintergrund. So lang ist das Gebäude der Berliner Architekten Hascher und Jehle, die 1999 nach vielen Anläufen den Wettbewerb gewannen, doch gar nicht! Es liegt aber keine optische Täuschung vor, sondern die Realität unterirdischer Straßenverläufe. Sie, die einst zur Verödung des urbanen Herzens Stuttgarts beigetragen hatten, geben der Sammlung der Stadt nun Raum, sich adäquat präsentieren zu können.<BR><BR>Überraschung im Tunnel</P><P>Vor 80 Jahren wurde die Sammlung begründet. Das erste Domizil, die Villa Berg, war im Krieg zerstört worden. 1961 erst konnte die Galerie der Stadt Stuttgart in den Theodor-Fischer-Bau am Schlossplatz ziehen. Die anfänglich regionale Ausrichtung wurde um international bedeutende "Stuttgarter" von Willi Baumeister bis Markus Lüpertz, von Joseph Kosuth bis Dieter Roth erweitert. Ganz zu schweigen von der mit rund 250 Werken weltweit wichtigsten Otto-Dix-Sammlung. Aber man interessierte sich genauso für aktuelle Kunst von Wolfgang Laib bis zu ganz Jungen wie Ekrem Yalcindag oder Simone Westerwinter. Auf 15 000 Objekte ist das Kunstmuseum mittlerweile angewachsen, längst zu umfangreich für den Altbau.<BR><BR>Direktorin Marion Ackermann, die vom Lenbachhaus nach Stuttgart ging, kann jetzt über 5000 Quadratmeter Ausstellungsfläche verfügen. Sie eröffnet das Haus am Wochenende mit einem zweitägigen Fest und der Ausstellung "Angekommen - Die Sammlung im eigenen Haus".<BR><BR>Nicht nur die Glashaut und die zwischen ihr und dem Betonkern emporkletternde Treppe verschaffen dem Bau Offenheit. Auch das Innen lockert sich auf in Brücken, Balkonen, Laubengängen, Treppenhäusern, Durchblicken nach hinten, oben, unten und hinaus. Ein wenig zu unruhig entwickeln sich die Raumfluchten, denn Geländer, Trennwände, Saalein- und ausschnitte irritieren zusätzlich. Dennoch wiegt diese Einschränkung nicht schwer, denn das Museum präsentiert sich insgesamt ausgezeichnet. Amüsant der sich wellende Fußboden - dem Tunnel folgend. Beeindruckend die Ausblicke auf den Schlossplatz und die Hänge Stuttgarts (vor allem vom Café´ im obersten Geschoss) - und die städtische Sammlung selbst. Ackermann stellt sie zwar mit aktuellen Künstlern prickelnd aufgefrischt vor, behält aber im Großen und Ganzen die Chronologie ab der Klassischen Moderne bei und streicht klug ihre "Hausgötter" Dix, Adolf Hölzel, Fritz Winter, Willi Baumeister, K.R.H. Sonderborg, Kosuth und Roth mit umfangreicheren Werkblöcken heraus. <BR><BR>Vom Foyer mit seiner Bar gleitet der Besucher übergangslos in die Kunst-Schau hinein. Andreas Schmids "Treibholz" schiebt ihn gewissermaßen mit. Allerdings nicht mit Holzbalken, sondern mit einem Schwarm von Leuchtstäben an der Decke, die rhythmisch das Licht wechseln. Als lustiges Lockmittel fungiert Westerwinters pink-knallender Flokati-Teppich, der über die Wand in die Tiefe wuchert. Davor erstreckt sich über drei Mauern edel und archaisch eine Metall-Feuer-Installation von Jannis Kounellis. Danach beginnt der Parcours nicht nur mit einer Reihe expressionistischer Arbeiten - hinreißend Emil Noldes Stillleben mit Clownspuppen -, sondern auch mit schwäbischem Impressionismus etwa eines Hermann Pleuer. Seine Arbeiter- und Bahnhofs-Bilder wecken Neugierde.<BR><BR>Die Bauhaus-Linie, verankert bei Oskar Schlemmer, wird auf dessen Lehrer Hölzel zurückgeführt. Seine tiefe Religiosität ließ durchaus die verblüffend furiose "Komposition in Rot" zu, die von einer Anbetung des Jesuskinds ausging. Ausführlich sind die uvrestadien von Baumeister dokumentiert. Gegen die kunsthistorisch korrekt "abgehakte" Dynamik von Gestischem und Organischem einerseits und Konstruktivistischem andererseits stichelt frech René Straubs suggestives Video "Umsonst ist der Tod", das afghanische Teppichmuster - auch die mit Gewehren und Kampfhubschraubern - ineinander übergehen lässt.<BR><BR>Am gelungensten ist die Präsentation im Untergeschoss. Ganz großartig die Ideen sprühenden Arbeiten von Dieter Roth, dem Mann, der die Schokolade als Kunstmaterial einführte. Schmunzeln bei Georg Herolds Luftballon-Vitrine. Schnuppern in Wolfgang Laibs enger Bienenwachs-Gasse. Nachdenken bei Rebecca Horns Folter-Installation, Lüpertz' Militarismus-Gemälden und Ben Willikens' Analyse von NS-Architektur. Diese politischen Akzente stellen durchaus den Bezug zu Otto Dix her, dem wichtigsten "Hausherrn" des Kunstmuseums, dem oben im Glaskubus gehuldigt wird: höchste Malkultur, ätzende Kritik und eine ästhetische Suche, die auch vor Wagnissen nicht zurückschreckt.</P><P>Ab 5.3.; Kleiner Schlossplatz 1; Tel. 0711/ 21 62 188; täglich außer montags ab 10 Uhr; Eintritt 4,50 Euro; Begleitbuch: 39,80 Euro.<BR></P>

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