Kaufmann vs. Vogt

CD-Kritik: Wer singt besser "Wagner"?

München - Die Sänger Klaus Florian Vogt und Jonas Kaufmann haben beide eine CD mit dem Titel "Wagner" aufgenommen - zu Ehren von Richard Wagners 200. Geburtstag. Doch wer brilliert mit welcher Stärke? Eine CD-Kritik.

Zuletzt hat es das bei Maria Callas und Renata Tebaldi gegeben. Wer für die eine war, lehnte die andere ab. Zwei Lager. Unversöhnlich und ungerecht, verbissen und mit Adrenalin vollgepumpt bis zur letzten Gehörgangsvene. Die Geschlechter der Anbetungsobjekte haben nun gewechselt – und die Kampfarenen ebenfalls: Heute bekriegt man sich im Internet, im „Wagner-Forum“ oder bei „Tamino“, wo von anonymen Nutzern meist Gehässiges über Klaus Florian Vogt zu lesen ist.

Dass der Holsteiner zum 200. Geburtstag von Richard selig auch noch eine CD mit sehr ähnlichem und sehr gleichem Titel wie der Münchner Jonas Kaufmann aufgenommen hat, befeuert natürlich die Debatte. „Wagner“ heißen beide Silberscheiben (Kaufmanns Platte erscheint am 15. Februar). Und sie führen nochmals vor, von welch entfernten Polen sich die zwei Tenöre dem Heldentum nähern. Wem also den Vorzug geben? Wenn’s so einfach wäre.

Kaufmann, der Virile, Robuste, der seine Figuren mit Testosteron sättigt, das hört man auch hier. Tannhäusers „Rom-Erzählung“ ist das stärkste Stück, dicht gefolgt von Siegmunds „Ein Schwert verhieß mir der Vater“, in dem sich ein Gebrochener übermenschlich aufbäumt. Klaus Florian Vogts Siegmund-Lösung ist im Vergleich dazu wie immer bei ihm: viel behutsamer, liedhaft grundiert, nie überreizt, ein Scheuer, Schutzloser, der sich zum entscheidenden Entschluss erst durchringen muss.

Stimmklang bleibt Geschmackssache, ob nun hell und offen wie bei Vogt oder baritonal umdüstert wie bei Kaufmann. Nicht aber die Technik. Und wer Vogts (manchmal zu) brave Porträts nicht mag, muss dennoch konstatieren: Die Klang-Balance, die kluge Beimischung von Kopfstimmenresonanz, der unverschleierte Text, all das ist musterhaft. Außerdem hat der Lyriker längst an Zusatzdimensionen gewonnen.

Kaufmanns heißblütiges, imponierendes Gestalten ist um gewisse Preise erkauft. Immerhin lässt er das Anschluchzen der Töne auf dieser CD einmal sein. Doch oft werden Vokale verzerrt oder zu sehr gedeckt. Leise Passagen verspannen sich, nachzuprüfen vor allem an Rienzis Gebet. In dieser Szene hat Vogt seine besten Momente – zumal Jonathan Nott mit den Bamberger Symphonikern auf zügiges, erzählerisches Tempo setzt. Da bleibt keine Zeit fürs Ausstellen der Finessen bei Zeitlupentempi, wie es Kaufmann so liebt. Man höre dazu bei ihm nur Lohengrins Gralserzählung, die um die fast immer gestrichene zweite Strophe erweitert wird.

Mehr als ein Extra: Kaufmann singt auf seinem Album sogar die Mezzos vorbehaltenen Wesendonck-Lieder. Ein Experiment ist das, das der Stimme (noch) nicht ganz steht, das auch mehr Nuancen verlangt – ähnlich wie bei Vogts Ausflügen zu Parsifal („Amfortas, die Wunde!) oder Siegfried (Todesszene). Letzterer kann sich mit den Bambergern und Nott auf die profilierteren Sekundanten verlassen. Donald Runnicles und das Orchester der Deutschen Oper Berlin bevorzugen demgegenüber eine eher neutrale Dramatik. Trotz alledem: Die doppelte Leistungsschau dokumentiert eine komfortable Situation. Kaufmann und Vogt sind beide Hauptgewinne fürs deutsche Fach, mögen die Fans auch weiterhin ihre Scharmützel austragen. Der beste Wagner-Tenor bleibt ohnehin Johan Botha.

CD-Informationen:

Jonas Kaufmann: „Wagner“. Orchester der Deutschen Oper Berlin, Donald Runnicles (Decca, erscheint am 15. Februar);

Klaus Florian Vogt: „Wagner“. Bamberger Symphoniker, Jonathan Nott (Sony, bereits erschienen).

Markus Thiel

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