Klavier im Friseursalon

- Er ist einer der einflussreichsten Musiker der Jazz-Geschichte: McCoy Tyner. Zusammen mit John Coltrane (1926-1967) nahm der Pianist Alben wie "A Love Supreme" oder "My Favourite Things" auf, Meilensteine des Genres. Bis heute ist der 68-Jährige aus Philadelphia erfolgreich ­ seinen vierten Grammy gewann er 2005 für das Album "Illuminations". Am 7. März tritt er mit seinem Trio im Münchner Herkulessaal auf.

Sie haben erst mit 13 Jahren angefangen, Klavier zu spielen, und ein paar Jahre später haben Sie bereits als professioneller Musiker Musikgeschichte geschrieben. Wie kamen Sie so schnell auf so einen Level?

McCoy Tyner: Nun, ich habe geübt, so oft ich konnte, so banal das klingt. Und meine Mutter hat mich sehr unterstützt. Ich habe überhaupt erst auf die Initiative meiner Eltern hin mit dem Klavierspielen begonnen.

Wie hat Ihre Mutter Sie unterstützt?

Tyner: Wir hatten im ersten Jahr zu Hause kein Klavier. Meine Mutter war Friseurin, und einer ihrer Kunden hat mich bei sich zu Hause spielen lassen. Später hat meine Mutter im Friseursalon ein Klavier aufgestellt. Das war der größte Raum der Wohnung.

Sie haben also von Anfang an für Publikum gespielt...

Tyner: Ja, genau. Die Damen saßen in ihren Sesseln und ließen sich die Locken eindrehen ­ und ich habe dazu gespielt. Soweit ich mich erinnere: Sie haben sich nicht beschwert.

Heute sind Sie eine Jazz-Legende. Ein Pionier, der immer noch Grammys absahnt.

Tyner: Na ja, die Fans stellen mir nicht gerade nach; das gibt‘s Gott sei Dank nicht im Jazz. Ich hatte einfach sehr viel Glück, im Laufe meiner Karriere mit großen Musikern zusammenzuarbeiten. Und das mit dem "Geschichte schreiben": Es ist ja nicht so, dass man mit John Coltrane im Studio steht und der sagt: "Hast Du einen Bleistift dabei? Wir schreiben jetzt Musikgeschichte." Es geht nicht um den Ruhm.

Ihre Arbeiten mit John Coltrane zählen zu den wichtigsten Werken des Jazz. Wie haben Sie ihn kennengelernt?

Tyner: Ich traf ihn, als ich noch ein Teenager war. Wir waren Freunde. Ich kannte seine Familie, und er hat mich immer seinen kleinen Bruder genannt. Wir haben andauernd über Musik gesprochen. Ich habe viel von ihm gelernt. Er hatte gerade mit Miles Davis die LP "Kind of Blue" aufgenommen und sagte: "Ich will Dich in meiner eigenen Band. Machst Du mit?" Ich machte mit ­ er war mein großer Bruder.

Wenn man sich etwa die Free-Jazz-Platte "Meditations" von Coltrane und Ihnen anhört und Ihre aktuellen Stücke dagegenhält, so wirkt die erste auf schroffe Art expressiv, während Ihre neuen Werke doch sehr Blues-basiert sind. Haben Sie sich hin zu einem simpleren Stil entwickelt?

Tyner: Diese Dinge sind miteinander verbunden. Ich habe früher schon mit Rhythm‘n‘Blues-Bands gespielt, etwa mit Ike und Tina Turner. Man befindet sich vielleicht zu verschiedenen Zeiten seines Lebens auf verschiedenen Ebenen, aber das eine ist nie ganz weg, wenn das andere vorherrscht. Man ist mit seiner Entwicklung nie fertig, gerade im Jazz nicht.

Sie touren seit Jahrzehnten um die Welt. Bald werden Sie 70. Haben Sie da nicht manchmal Lust aufzuhören?

Tyner: Manchmal bin ich ein bisschen müde, das stimmt. Aber ich bin immer noch dankbar, dass die Menschen das mögen, was ich tue. Solange das der Fall ist, werde ich auch auftreten.

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