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Yaara Tal und Andreas Groethuysen, die in Schwabing leben, probieren stets Ungewöhnliches aus.

Interview mit Klavierduo

Wagner? "Man liegt wie nackt da und ächzt"

München - Das Münchner Klavierduo Yaara Tal und Andreas Groethuysen sprach mit unserer Zeitung über seine CD mit Wagner-Arrangements.

Yaara Tal und Andreas Groethuysen, die in Schwabing leben, probieren stets Ungewöhnliches aus.

Mehr als eine Spielerei zum Wagner-Jahr ist das. Das Klavierduo Yaara Tal und Andreas Groethuysen hat eine CD mit Wagner-Arrangements unter anderem von Debussy und Dukas veröffentlicht (Sony). Weltpremiere sind hier „Siegfrieds Tod“ und das Finale der „Götterdämmerung“ in einer Version des Mathematikers Alfred Pringsheim, dem Schwiegervater Thomas Manns. Die Israelin Yaara Tal und der Deutsche Andreas Groethuysen, die auch privat ein Paar sind, seit langem in Schwabing leben und Maßstäbe in ihrem Fach gesetzt haben, bleiben damit ihrer ungewöhnlichen Repertoire-Politik treu.

An wen richtet sich diese CD? An Wagnerianer, die schon alles haben?

Tal: An alle Menschen natürlich! Merkantile Überlegungen überlassen wir der CD-Firma. Wir spielen zunächst einmal das, was uns gefällt und von dem wir glauben, dass es ein gewisses Innovationspotenzial bietet.

Groethuysen: Im Wagner-Bereich kann sich ja nicht mehr so furchtbar viel Neues tun. Diese Auswahl hat daher einen eigenen Reiz – und kommt zum Wagner-Jahr wie gerufen.

Bei Wagner wird gern von Rausch geredet. Sind diese Arrangements dann so etwas wie ein Kompromiss? Magerquark statt Vollfettstufe?

Tal: Magerquark, aber mit Rosinen!

Groethuysen: Auch wenn es eine Reduktion ist, eine Art Schwarz-Weiß-Foto, so spielt das Rausch-Element eine starke Rolle. Sonst würden wir das ja gar nicht spielen. Man versinkt darin. Und wenn’s zu Ende ist, dann ist man erfüllt und gleichzeitig traurig darüber, weil’s vorbei ist.

Tal: Aber das ist nicht nur Rausch. Strukturelles wird automatisch wichtiger, weil nicht so viel Klang wie im Orchester da ist. Man ist nach dem Spiel wie geläutert, hat etwas durchgemacht, was man sonst auf andere Weise nicht erlebt hätte. Es ist auch eine Erschöpfung, etwa am Ende der „Götterdämmerung“. Man liegt wie nackt da und ächzt.

Groethuysen: Vielleicht geht uns das sogar stärker so als Orchestermusikern, die in der Originalversion quasi im Tutti verschwinden können. Am Klavier spielt man sich schon die Seele aus dem Leib.

Ahmt man das Orchestrale unwillkürlich nach – was ja immer unvollkommen bleiben muss? Oder kann man vom Original abstrahieren?

Groethuysen: Gute Frage. Ich finde, dass das Klavier ohnehin ein sehr Fantasie-stimulierendes Instrument ist. Man wird hier erzogen dazu, in Klangfarben zu denken, auch wenn der Flügel an sich irgendwie monochrom bleiben muss. Letztlich weiß man schon, dass man „nur“ Klavier spielt. Das sind alles so gemischte Gefühle.

Tal: Das Original kann man im inneren Ohr gar nicht ausschalten. Aber das ist ja der Reiz!

Sind Sie Wagnerianer?

Tal: Was heißt das? Ist ein Wagnerianer einer, der morgens aufwacht und bei der ersten Zigarette eine CD auflegt? So gesehen: nein. Wir schätzen diese Musik aber.

Groethuysen: Wir halten keine Gottesdienste, da können wir uns beherrschen. Ich muss aber zugeben, dass eine große Bewunderung da ist. Der „Ring“ rangiert für mich auf allerhöchster Ebene. Ein Jahrtausendwerk.

Wer ist bei Ihnen der Repertoire-Spürhund?

Tal: Das wechselt. Früher musste man in Bibliotheken und Antiquariate gehen und für unser besonderes Repertoire wahnsinnig viel stöbern. Andreas hat das meistens gemacht. Heute kommt einem alles aus dem Internet entgegen, und Freaks schicken einem sogar Noten.

Groethuysen: Für die kreative Programmierung ist jetzt Yaara zuständig.

Tal: Ich sage immer, Programme müssen sexy sein.

Sie gastieren demnächst in Israel und spielen Mendelssohn Bartholdy. Warum nicht Wagner?

Tal: Das Mendelssohn-Programm steht schon seit zwei Jahren fest. Ich glaube nicht, dass wir Wagner in Israel spielen sollten. Mein erzieherischer Eros ist in allen Lebensbelangen sehr gering. Ich will die Israelis nicht dazu erziehen, Wagner hören zu wollen. Wir können diese Musik ja bei vielen anderen Gelegenheiten spielen. Das Problem ist: Die Leute, die das große Geschrei um Wagner in Israel veranstalten, sind nicht unbedingt diejenigen, die historisch auch davon betroffen sind. Es gibt immer Menschen, die etwas politisieren. Die sind meistens die lauten. Und denen möchte ich nicht auch noch Reibungsfläche bieten.

Spielt für Sie überhaupt eine Rolle, was die Komponisten für einen Charakter hatten?

Groethuysen: Beethoven hatte bestimmt Haare auf den Zähnen, der hat die Leute, allen voran seine Verleger, ausgenutzt. Wagner ist ein Extremfall, weil hier alles zu einer moralischen Dimension wächst. Ich fürchte, viele Komponisten, die ich verehre wie besonders Mozart und Schubert, wären mir persönlich unsympathisch. Aber auf Musik aus moralischen Gründen verzichten – das fände ich schade.

Tal: Bachs Passionen halte ich für ziemlich antisemitisch. Da fühle ich mich getroffen bei dieser drastischen Darstellung der Juden. Auch wenn der Antisemitismus zur Bach-Zeit eine ganz andere Rolle spielte, so werden diese Szenen von Bach für Ressentiments instrumentalisiert.

Muss man, um ein gutes Klavierduo zu sein, auch privat ein Paar sein?

Tal: Für uns gilt das, ja.

Groethuysen: Ich glaube, gerade beim Klavierduo ist das eine sehr gute Voraussetzung. Vor allem wenn man vierhändig an einem Flügel sitzt, braucht es schon eine enorme Nähe und ebensolches Vertrauen. Vielleicht funktioniert das ähnlich noch bei Geschwistern.

Und gibt es dann auch genügend Phasen ohne Musik in Ihrer Beziehung?

Groethuysen: Oh ja.

Tal: Es gibt für mich kein Leben ohne Musik. Sie fragen sich ja auch nicht, ob Sie verdauen oder nicht. Ich bin allerdings nicht süchtig nach Musik.

Wenn Sie Wagner spielen, ist das dann auch ein Genuss, weil Sie quasi ein Stück weit Operndirigent sein dürfen?

Groethuysen: Stimmt, das erfüllt schon geheime Wünsche. Dirigent, das tät’ mir sehr Spaß machen. Ich trau’s mir aber nicht zu, auch weil ich nicht der Typ dafür bin.

Tal: Wir haben in Tel Aviv das Fach Dirigieren gehabt. Ich wäre in dieser Funktion nicht total falsch. Aber es hat halt nicht sollen sein.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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