Kleine, feine Grenzgänge

- Ein Festival kann sich nur halten, wenn es gut ist. Walter Heun darf sich also zum 15. Jubiläum seiner Tanzwerkstatt Europa (TWE), bei aller rundum herrschenden Rotstiftpanik, gelassen ein Gütesiegel ans Revers heften. Mit 160 000 Euro von der Stadt München, Sachwerten wie Mieten und 100 000 Euro aus anderen öffentlichen Mitteln hat er auch diesmal wieder eine TWE (2. bis 13. August) zusammengestellt, die, seinem Motto getreu, "klein, aber fein" zu werden verspricht.

Den Begriff "Festival" lehnt er schlicht ab: "Wir wollen über die Jahre künstlerische Prozesse begleiten." Was genau so auch stimmt. In den traditionell angekoppelten Workshops für Profis und Amateure war die TWE immer am Puls von neu entstehenden, von sich perfektionierenden zeitgenössischen Körpertechniken und Stilen. In dem runden Dutzend international renommierter Pädagogen, darunter Choreographen und (Ex-)Tänzer, diesen Sommer erstmals Louise Lecavalier, 18 Jahre lang elfischer New-Dance-Star der illustren kanadischen Lalala Human Steps. Neu auch der "Ratgeber"-Kurs "Career Development" von George Skalkogiannis, hilfreich sicher für die in praktischen Lebensfragen generell weniger geschickten Tanzschaffenden.Und in der Vorstellungsreihe "begleitet" verfolgt die TWE Choreographen auf ihrem Weg der Vervollkommnung oder auch der Veränderung. Beispiel par excellence: VA Wölfl, bildender Künstler und Choreograph, den sein "Entdecker" Heun zum ersten Mal 1990 in München präsentierte, im Rahmen des von ihm initiierten BRDance-Events. Jetzt feuert Wölfl, längst international gefragt, mit "Revolver" (2004) den TWE-Startschuss.Das Stück ist eine Reihung von assoziativen Szenen über die Machtlosigkeit gegenüber Gewalt und Krieg. Formal oszilliert es zwischen tänzerisch bewegter und bildender Kunst. Und diese Öffnung des Tanzes für andere Kunstsparten ist symptomatisch für die TWE 2005. Zu sehen sind Grenzgänge: zwischen Choreographie und Film/ Video bei Rosemary Butcher, zwischen Bewegung und Fotografie bei Christina Ciupke, ähnlich bei Joao Fiadeiro, zwischen Tanz und Pantomime bei Loic Touzé´ & Latifa Laâ^bissi - sie alle schon einmal TWE-Gäste. Man hat also die Chance, ohne tanztheoretischen Überbau ganz entspannt "früher und heute" zu vergleichen.

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