Kleine Komödie statt Volksoper

- "Gefühlte hunderttausend Mal" ist sie in die Rolle geschlüpft, meint sie selbst. Der Stoßseufzer ist natürlich nicht ganz ernst gemeint. Aber als Orlofsky war Brigitte Fassbaender -­ in München zumal -­ eben eine Institution. Gefeiert, kopiert, verehrt, was sogar so weit ging, dass ihr einst Carlos Kleiber den Taktstock überließ, auf dass sie und nicht das schwierige Genie das Staatsorchester durch die Polka "Unter Donner und Blitz" lotste.

Dass sich die Fassbaender bei der "Fledermaus" auch noch in den Regiestuhl setzt, garantiert folglich für den besonderen Kick. 2003, in Hannover, kam‘s zum, nun ja, Achtungserfolg. Und jetzt, am eigenen Innsbrucker Haus, hat sie ein kleines Kunststück geschafft.

Denn längst scheint es, als ob der Johann-Strauß-Evergreen nur noch auf zwei mögliche Arten inszeniert werden kann: entweder als dramaturgisch überfrachtete Provokation, um die ach so schlimme Bourgeosie im Parkett mal richtig aufzumischen. Oder als Aufguss des bekannten Plüsch-Plunders. Otto Schenk reloaded gewissermaßen. Brigitte Fassbaender geht nun am Tiroler Landestheater den Mittelweg. Und dafür hat sie sich, eine kluge Entscheidung, mit Schauspielchef Klaus Rohrmoser zusammengetan. Bewiesen wird nicht, wie man den Silvesterhit ins Heute zerren kann, sondern wie man ihn behutsam modernisiert.

Die Sprechtexte wurden gestrafft und aufgemotzt, die Bühne, ein multifunktionales, doppelstöckiges Gestell, und die Kostüme signalisieren zeitlose Bürgerlichkeit. Und das jugendliche Ensemble ist genau das Gegenteil jener staatstheaternden Schwergewichte, die Gags nur zelebrieren, statt Pfiff in die Sache zu bringen.

Natürlich können "Fledermaus"-Kenner manche Pointen mitsprechen. Aber das Duo Fassbaender/ Rohrmoser sorgt immerhin dafür, dass man sogar über den abgehangensten Witz noch lacht. Weniger Weaner Klischee wird da gespielt, eher moussierendes Boulevardtheater. Das hat Rhythmus, Tempo und Timing. Kleine Komödie statt Volksoper also. Und es funktioniert in den Eck-Akten hervorragend. Weniger im zweiten Aufzug, dessen Champagner-Überschwang in Innsbruck ein bisserl schal daherkommt.

Denn trotz Ball mit Insektenmotto und fast unanständiger Orchideenblüten: So richtig bekommen Fassbaender und Rohrmoser den Irrwitz, mit dem Strauß eine Gesellschaft an den Rand des Vulkans führt, nicht in den Griff. Ein Moment freilich berührt. Wenn beim "Brüderlein, Schwesterlein" Drahtzieher Falke an die Rampe tritt, plötzlich seine tiefe Verletztheit, seine Einsamkeit spürbar wird ­ und wenn sich Rosalinde zu ihm gesellt, sichtlich betroffen darüber, dass ihr Mann für eine vermeintlich andere entbrannt ist.

Susanna von der Burg hat dabei alles, was eine Operettendiva braucht: große Präsenz, eine prachtvolle, bewegliche wie ausladende Stimme, Selbstironie, den original Wiener Sound ­ und ein dramatisch hochgezurrtes Mieder. Kein Wunder, dass Eisenstein angesichts solch weiblicher Wucht eher zum linkischen Typ verdammt ist: Christian Voigt ist fast eine "Querbesetzung", kann sich mit seinem nicht optimal ausgeglichenen Tenor schwer gegen die Kollegen behaupten.

Aber er hat ja auch starke Konkurrenz. Dominik Hosefelder etwa, ein cooler Dandy, vokal und darstellerisch eher ein Giovanni auf Operetten-Seitensprung. Und von Martin Mitterrutzner (Alfred) dürfte man in den nächsten Jahren noch viel hören. Der junge Tenor hat Bühneninstinkt, verfügt über eine (bislang) feine, tadellos sitzende, wunderbar timbrierte Stimme, in der sich baldige Taminos und spätere Max- oder Florestan-Einsätze abzeichnen.

Eva Vogel als Orlofsky zwischen Gothic-Kostüm und Michael Jackson, Renate Fankhauser als überdrehte, klanglich arg herbe Adele sowie Joachim Seipp als stimmmächtiger Frank ergänzen das exzellente Ensemble. Das I-Tüpferl: Gerhard Kasals Frosch. Der produziert keinen Burgmimenschmäh, ist ganz jugendlicher Proll, damit authentischer und komischer als mancher Kollege. Auch wenn ihm, zumindest in der Premiere, kein aktuelles Extempore gestattet wurde.

Dirigent Leif Klinkhardt kennt, man hört‘s an Geschwindigkeit und Übergängen, seinen Kleiber. Die Interpretation überzeugt durch Eleganz und Brio. Und das Regie-Tempo findet damit seine Entsprechung im Graben, auch wenn das Tiroler Symphonieorchester manchmal an die Grenzen getrieben wird. Keine Operetten-Revolution also in Innsbruck, sondern eine liebevolle Restaurierung. Was ja noch immer das Schwerste ist.

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