Der kleine Lord aus Karlsfeld

München - "Der kleine Lord", ein Musical von Komponist Konstantin Wecker und Textautor Christian Berg, wird am 4. Dezember im Deutschen Theater in München uraufgeführt. Gestern gingen beide auf Darstellersuche - mit Erfolg: Barbara Obermeier aus Karlsfeld übernimmt die Titelrolle.

Konstantin Wecker ist der Verzweiflung nahe. So oft er die beiden Schauspieler John Wiseman und Michael Flöth auch auf der Probebühne des Deutschen Theaters antreten lässt: In der Jury wächst nur die Unschlüssigkeit darüber, wer von den beiden denn nun den Earl of Dorincourt im Musical "Der kleine Lord" spielen soll. Beide überzeugen das Experten-Team mit ihren schauspielerischen und gesanglichen Fähigkeiten gleichermaßen.

"Jetzt steh i da", meint Wecker, der die Musik zu dem Libretto von Christian Berg komponiert. Schließlich hat er doch noch eine letzte Idee. Er sucht Hilfe bei den Zuhörern: "Was meint's ihr denn?" Aber auch das Publikum zeigt sich gespalten.

Und so reift in der Jury die Idee zu einem Happy End, wie sie auch der "Kleine Lord"-Autor Frances Hodgson Burnett nicht herzerwärmender hätte schreiben können. Beide dürfen sich die Rolle teilen. Wiseman gibt den hartherzigen Earl, der von seinem Enkel erweicht wird, in Frankfurt. Flöth spielt den Aristokraten in München. Er genießt damit das Privileg, bei der Uraufführung am 4. Dezember im Deutschen Theater auf der Bühne zu stehen.

Auch für Barbara Obermeier wird das Casting zu einer Weihnachtsgeschichte, die fast so bezaubernd ist wie der "Kleine Lord" selbst. Die 25-Jährige setzt sich gegen zwei weitere Konkurrentinnen im Kampf um die Rolle des kleinen Cecil durch. Für die junge Karlsfelderin, die zuvor zwei Jahre im Festspielhaus Füssen unter anderem in "Ludwig" gespielt hat, ist es die erste Hauptrolle. "Ich bin froh, dass ich jetzt weiß, woran ich bin", sagt Obermeier überglücklich. "Wenn man so lange auf eine Entscheidung warten muss wie heute, dann steigt die Nervosität fast ins Unerträgliche." Der Entschluss des Expertenteams - er wirkt wie eine Befreiung auf die junge Darstellerin.

Noch zwei Stunden zuvor ist das Deutsche Theater ein Tigerkäfig für die 30 Bewerber. Jeden Meter des Gangs, des Warteraums und der Küche schreitet John Wiseman ab. Immer wieder. Auf und ab. Bewegung als Ausdruck grenzenloser Aufregung. Hin und wieder ein Schluck Wasser, um gegen die Trockenheit der Kehle anzukämpfen. Jemand bietet einem anderen Sänger schmackhafte Häppchen vom Buffet an: Feigen und Saltimbocca-Spießchen. Der winkt ab: "Ich bring' jetzt bestimmt nichts runter." Im Hintergrund stimmt einer kurz eine Tonleiter an, um die Stimmbänder in Bewegung zu bringen.

Barbara Obermeier gehört zur ruhigeren Sorte. Sie sitzt meist still im Warteraum, hin und wieder sucht sie das Gespräch mit den Mitbewerberinnen - Kolleginnen, die zugleich Konkurrentinnen sind. "Natürlich versucht man sich zu unterstützen, weil wir ja alle in der gleichen Situation stecken", meint sie. "Aber gleichzeitig wägt man schon ab, wie gut die anderen beim Vorsingen ankommen. Und man vergleicht sich auch im Erscheinungsbild. Welche Farbe haben die Haare der anderen? Und wie lang sind sie?"

Für ihre erste Hauptrolle muss die Karlsfelderin persönliche Opfer bringen. Schon vor ein paar Wochen hat sie ihre langen blonden Haare auf Schulterlänge abgeschnitten, damals noch freiwillig. Jetzt soll nach Willen von Konstantin Wecker ein Pagenkopf her. Der Komponist rechtfertigt sich: "Schließlich muss aus der Barbara ein kleiner Junge werden."

Genau das traut die Jury der 25-Jährigen nun zu. Dabei hat Barbara Obermeier gutes Gespür bei der Textauswahl für das Vorsprechen bewiesen. Mit ihrem Auftritt als Antoine de Saint-Exupérys Kleiner Prinz überzeugte sie die komplette Jury, die Proben beginnen nun am 1. November. "Als ich ihr bei der Szene ins Gesicht geschaut habe, bekam ich tatsächlich den Eindruck, dass da ein kleiner Junge vor einem steht", freut sich Wecker. "So wie den Prinzen soll sie auch den Lord anlegen."

Der Komponist wirkt am Ende des Vorsingens erschöpft. "Wir haben hier auf sehr hohem Niveau gecastet. Da ist es eine harte Sache, bei Leuten, die alle gleich gut sind, jemanden auszusuchen, der die Rolle bekommt. Aber schließlich mussten wir ja eine Entscheidung treffen."

Vorstellungen

vom 4. bis 16.12. im Deutschen Theater.

www.deutsches-theater.de

Karten unter Tel. 089/ 55 23 44 44.

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