Zu kleine Schnittmenge

- Wunder des Lebens: Bei allen geschlechtlichen Wesen liegen in einer bestimmten Phase der Keimzellen-Entwicklung väterliche und mütterliche Chromosomen eng nebeneinander. Dann wird wechselseitig DNS ausgetauscht, das Erbgut neu gemischt. "Crossing over" heißt das, die Natur würfelt, damit die Welt vorankommt - evolutionär gesehen. Will auch Nigel Kennedy, dass die Welt vorankommt - musikalisch gesehen?

"Crossover" jedenfalls war angekündigt für Kennedys Konzert im Münchner Herkulessaal, und gekreuzt werden sollten zwei von des Geigers erklärten Göttern, Miles Davis und Johann Sebastian Bach. Die von solch vorgeblicher Kühnheit ausgehende evolutionäre Wirkung war indes eher matt. Von direkter, eventuell fruchtbarer Gegenüberstellung zweier Antipoden konnte keine Rede sein: In einer braven Programm-Dramaturgie handelte Kennedy im ersten Teil den Altmeister ab, um erst nach der Pause mit dem ausgezeichneten Jarek Smietana Jazz Trio in den Kosmos Davis'scher Klangwelten einzutauchen.<BR><BR>Die Schnittmenge musikalischen Materials blieb so minimal: gelegentlich an Bach erinnernde Melodielinien, einige barockisierende Akkordbrechungen der E-Violine, wenn Kennedy zum Improvisieren dran kam - das war's. Trotz seines durchaus idiomatischen, technisch virtuosen Spiels war der Geiger dem Primarius der Jazz-Formation unterlegen: Welten musikalischer Durchformung zwischen ihm und den energetischen Entäußerungen, die Jarek Smietana seiner E-Gitarre abzwang.<BR><BR>Weitaus überzeugender Kennedy mit Bachs Solo-Partita d-moll: Deren hinreißend dicht musizierte Schluss-Ciaccona drang in nicht nachlassender Steigerung in Bereiche des Außeralltäglichen vor und konnte so alle zur Show erstarrten Enfant-terrible-Attitüden des Interpreten vergessen machen.<BR>

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