Mit kleinem Pinselstrich

- Alfredo aus Verdis "Traviata", Nemorino aus Donizettis "Liebestrank": Von Christoph Prégardien, einem der zurzeit wichtigsten Bach- und Schubert-Interpreten, ist man solches nicht gewöhnt. Am 19. November gastiert der Tenor mit romantischen Opern-Arien, allerdings auch mit Barockem im Münchner Prinzrententheater. Es spielen I Musici di Roma. Prégardien (48) stammt aus Limburg, ist vor allem als Lied- und Oratoriensänger bekannt, wobei sein Repertoire von Monteverdi bis zu Killmayer und Rihm reicht.

<P>Betreten Sie mit diesem Abend fremdes Terrain?<BR>Prégardien: Zwischendurch, vor allem während meiner Studienzeit, habe ich diese Schmankerl schon auch gesungen. Und wenn Sie an die Vergangenheit denken: Peter Schreier, Fritz Wunderlich, auch Ernst Haefliger haben sich immer wieder auf vermeintlich fachfremdem Bereich getummelt. Wer in eine Schublade gepresst wird, kann oft schwer wieder raus. Ich fand dieses Projekt für mich interessant: Wo kann ich schon mal Alfredo singen? Es muss ja nicht immer von Roberto Alagna sein.</P><P>Auch wenn Sie an den Opern in Frankfurt und Gelsenkirchen engagiert waren: Das Lied- und Konzertfach haben Sie doch gezielt angesteuert.<BR>Prégardien: Von außen betrachtet ja. Doch es war keine selbst gesetzte Priorität. Oft wird man als Sänger schon während des Studiums in eine Richtung getrieben. Ich will mich aber nicht beschweren: Ich bin sehr froh, wie meine Karriere verlaufen ist. Und nächstes Jahr kommt ja auch in Paris Mozarts "Titus" auf mich zu. Was fehlt, wären noch Max und Idomeneo auf der Bühne.</P><P>Sie meinten einmal, zwischen Ihrer Generation und der Peter Schreiers klafft eine Liedsänger-Lücke. Wie kam's?<BR>Prégardien: Das war eben das Problem der Nachkriegsgeneration: Da existierte die alles überstrahlende Gestalt Dietrich Fischer-Dieskau. Daneben hatten andere kaum Platz, außerdem gab es nur ein begrenztes Publikum für Liederabende. Die Veranstalter haben versäumt, auch die jungen Sänger zu fördern. Mittlerweile gibt es in meiner Generation ein breites Feld von guten Lied-Interpreten. Und nun müssen wir Älteren uns eben für die Jüngeren einsetzen.</P><P>Vielleicht sagten sich die Sänger auch: An der Oper hole ich mehr Geld.<BR>Prégardien: Sicher denken viele so. Aber was bei der Oper mit dem großen Pinselstrich passiert, das geschieht beim Lied im Kleinen und Feinen. Und das Tolle ist: Du hast das Gefühl, dass du ganz allein oder mit dem Piano-Partner für alles verantwortlich bist. Ohne dieses Gefühl wäre mein Leben viel ärmer.</P><P>Sind Sie mittlerweile so weit, dass Sie singen können, was Sie wollen?<BR>Prégardien: Bei einigen Veranstaltern geht das, andere wiederum wollen nur die "Winterreise" oder die "Schöne Müllerin". Dem kann man abhelfen, indem man Standhaftigkeit zeigt. Natürlich sind die meisten Liederabende ein Zuschussgeschäft. Aber jeder junge Sänger wäre doch bereit, mit dem Honorar nachzugeben. Es fehlt der Mut, ein breites Repertoire zu pflegen. Eventkultur zählt da mehr.</P><P>Sie leiten eine Gesangsklasse an der Zürcher Musikhochschule. Manche schrecken vor dieser Verantwortung jungen Sängern gegenüber zurück.<BR>Prégardien: Schon während des Studiums habe ich ein wenig unterrichtet, wahrscheinlich hatte ich eine verborgene pädagogische Ader. Ich fühle mich wohl beim Unterrichten, weil ich ein direktes Feedback bekomme. Das mit der Verantwortung stimmt schon: Als Pädagoge bin ich dazu vepflichtet, genügend Zeit meiner sonstigen Karriere abzuzwicken. Und ich muss mich innerlich darauf einlassen. Aber ich will das Unterrichten sogar noch ausbauen.</P><P>Was ist das Wichtigste, das Sie Schülern sagen?<BR>Prégardien: Ich versuche ihnen beizubringen, dass sie sich selbst kontrollieren können. Mir sind meine eigenen Aufnahmen sehr wichtig, auch private Mitschnitte. Diese Art von Selbststudium ist unerlässlich.</P><P>Gesteht man sich wirklich alle Fehler ein? Bei einigen Sängern hört sich das anders an.<BR>Prégardien: Ich glaube, dass ich da relativ cool bin. Es gibt zwei Ebenen: die technische Bewältigung und die Hingabe. Ich verzeihe einem Sänger, dass was Technisches schief geht, wenn er dafür riskant singt. Ich mag dieses Sicherheitsdenken beim Singen nicht _ wobei ich mich oft selbst dabei ertappe. Dann trete ich mir eben innerlich in den Hintern.</P><P>Und wo holt man sich die Motivation bei der 50. Matthäus-Passion her?<BR>Prégardien: Wenn ein Stück Jahre gelegen hat, fällt's mir nicht schwer. Kompliziert wird es bei Tourneen mit acht bis zehn Matthäus-Passionen am Stück. Nach drei, vier Abenden droht eine ungute Art von Professionalismus. Andererseits: Bei großartiger Musik fällt die Motivation immer leicht. Und dazu zählt eben Bach.</P><P>Welcher Komponist steht Ihrer Stimme am besten?<BR>Prégardien: Schubert. Ich bin so glücklich, dass ich diesen Mann gefunden habe. Die Lage ist nie zu tief oder zu hoch, auch zu den Texten finde ich sofort Zugang. Einfach wunderbar - auch wenn ich Mozart und dem guten Bach da vielleicht Unrecht tue.</P><P>Das Gespräch führte Markus Thiel</P>

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