Ein kleiner Zeh bleibt übrig

- Ein Stück wünschten sich die Münchner Kammerspiele von dem Autor und Schauspieler Händl Klaus, 1969 bei Innsbruck geboren: Morgen wird "Dunkel lockende Welt", ein Drei-Personen-Drama um Tochter, Mutter und Vermieter, in der Regie von Sebastian Nübling uraufgeführt. Es spielen Wiebke Puls, Gundi Ellert und Jochen Noch. Am 18. Februar kommt die Arbeit in Bremen heraus.

Händl Klaus - Klaus Händl: Was hat es mit Ihrem Namen auf sich?

Händl: Ich habe 1994 in Ungarn mit Dagmar Knöpfel "Brigitta" gedreht, und dort wird wie in Tirol der Nachname vor den Vornamen gestellt. Damals hatte ich bereits an meinem ersten Buch, "(Legenden)", geschrieben. Dagmar hat deswegen gesagt: Jetzt musst Du Dich aber Händl Klaus nennen.

"Dunkel lockende Welt" ist ein Auftragsstück.

Händl: Das war eine lang gediehene Sache. Außerdem ist der Theaterraum begeisternd. Dieser Jugendstil - das passt gut zur Brüchigkeit meiner Geschichte. Ich hatte schon einen Teil des Stücks. Die damalige Dramaturgin Barbara Mundel und der Kulturkreis der Deutschen Wirtschaft im BDI sind darauf gestoßen und haben sich dafür interessiert. Außerdem wusste ich, dass es das Team Nübling, Muriel Gerstner und Lars Wittershagen (Ausstattung, Musik) realisieren würde.

Was ist am Schauspielhaus so besonders?

Händl: Es ist ein mit Geschichte aufgeladenes Haus. Und im Stück gibt es ja auch viele Gedenkräume, nicht nur wenn die Rede von der toten Mutter ist. Ich liebe diese intime Distanz in dem Theater. Man sitzt in einem sehr großen, sehr feinen Wohnzimmer. Als Zuschauer fühle ich mich da sehr wohl.

Bei Ihrem ersten Stück, "Ich ersehne die Alpen; so entstehen die Seen", haben Sie selbst Regie geführt. Wie muss gute Regie sein?

Händl: Dafür bürgen die drei, Nübling, Gerstner, Wittershagen, die ich lange kenne und mit denen ich befreundet bin. Sie haben die gleiche Ahnenreihe wie ich. Wir tragen die gleichen Hausheiligen im Gepäck: Poe, Hawthorne, Melville, Foucault, Bronfen . . . Man trifft sich schon beim Schreiben. Ich liebe deren Arbeiten.

Warum?

Händl: Sie sind niemals abgesichert. Es ist ein Spiel auf schmalem Grat.

Was wäre "abgesichert"?

Händl: Wenn kein Platz ist für das Ungesagte, Unsagbare, wenn alles ausbuchstabiert ist. Das Wunderbare an den Inszenierungen der drei ist, dass sie so vieles an- und aufreißen, Räume, die darunter liegen.

Die drei Figuren Corinna/ Tochter, Joachim und Mechtild/ Mutter sind recht wortkarg - bis auf Mechtilds botanische Exkurse.

Händl: Ich empfinde das verzahnte Sprechen - Ja, Nein, Nein - als gemeinsamen unbewussten Raum, in dem die auf den ersten Blick banalen Dinge das Gewicht bekommen, das sie im Grund ja haben. Die wiederholten Jas und Neins schließen etwas auf, wirken verräterisch, und sie rhythmisieren das Ganze. Auch die Photosynthese-Monologe der Mutter sind "rhythmisch" geschrieben - alle Figuren teilen den selben Pulsschlag.

Werden aber die Zuschauer einen Zusammenhang mit der übrigen Geschichte herstellen können?

Händl: Der symbiotische Umgang von Mutter und Tochter wird dadurch deutlich. Die Tochter ist eingebunden in den Monolog. Und er steht für die Psyche der Mutter. Er ist ihr Versuch, sich der Welt zu vergewissern durch den kleinsten wissenschaftlich abgesicherten Blick.

Ein kleiner Zeh taucht auf - ohne zugehörigen Körper. Ist "Dunkel lockende Welt" ein Krimi?

Händl: Wie's Leben halt. Was ist ein Krimi? Das Stück erschöpft sich nicht darin. Der Zeh löst etwas aus - der abwesende, angeblich verreiste Verlobte der Tochter kriegt so sein Kraftfeld, das an den anderen Figuren dann zerrt.

Der Tod, das Verschwinden von Personen, an die man sich bestenfalls noch erinnert, sind zentrale Punkte im Stück.

Händl: Es geht auch um Phantomschmerzen und -jagden. In jedem der drei Bilder fehlt jemand: Verlobter, Vater, Tochter. Das ist die Grundspannung. Über dieses Fehlen werden die Sätze gespannt. Die Basis des Schreibens ist: dass wir alle verschwinden können.

Konkret: sterben?

Händl: Aber auch einander vergessen, verreisen, psychisch erkranken - ja, letztlich sterben. Es gibt so viele Zwischenformen und Vorstufen.

Das Gespräch führte  Simone Dattenberger

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