Kleiner Finger für die Glückssuppe

"Familie Schroffenstein": - Eine Traumrolle gibt es für Sebastian Weber nicht. Das heißt jedoch nicht, dass dem Schauspieler Figuren nicht ans Herz wachsen würden. "In den Ottokar habe ich mich richtig verliebt", verrät er. Ihn verkörpert Weber in Roger Vontobels Inszenierung der "Familie Schroffenstein", die heute Abend, 19.30 Uhr, an den Münchner Kammerspielen Premiere hat. In der "Romeo und Julia"-Variante von Heinrich von Kleist ist er neben Lena Lauzemis, Oliver Mallison und Paul Herwig zu sehen.

Was Weber anfänglich genau an der Figur des Ottokar gereizt hat, am Grafensohn, der sich in die Tochter des feindlichen Familienzweigs verliebt, vermag er auch nach längerem Nachdenken nicht genau zu beantworten. Jetzt, da kurz vor der Premiere der Tunnelblick eingesetzt hat, quälen Weber die Details: Ist das Lichtzeichen bei der dritten Szene rechts oder links? Wie wirken die Videoprojektionen, die dem klassischen Stück einen modernen Rahmen geben sollen?

Dennoch findet er in seinem Tunnel ein Gedächtnisfenster mit verschwommenem Ausblick auf die Anfänge der Inszenierung: "Ich mochte das Stück gleich, als ich es gelesen habe, und da hat mich der Ottokar angesprungen."

Als die erste Leidenschaft zwischen dem Schauspieler und seiner Rolle verklungen war, wurde die Beziehung allerdings auf eine harte Probe gestellt, wie Weber launig erzählt: "Der Ottokar und ich haben schon viel miteinander durchgemacht. Da gab es einige Trennungsphasen." Manches an seiner Figur konnte Weber nicht nachvollziehen, vor allem nicht die Naivität zu glauben, die Liebe der Jungen könne die Feindschaft der Alten beenden. Vom Stück schwärmt der Schauspieler hingegen. Besonders fasziniert ihn die Durchdringung brutaler und närrischer Elemente: "Da wird einem Toten aus Aberglaube ein Finger abgeschnitten, um ihn als Zutat für eine Glückssuppe zu verwenden."

Diese Ambivalenz erinnert Weber an ein Foto, das er zur Zeit seiner Kleist-Lektüre in einer Zeitung entdeckte. Das Bild, auf dem ein Zivilist in einem Harlekin-Kostüm einem stramm stehenden israelischen Soldaten an einem Checkpoint die Zunge herausstreckt, hinterließ bei ihm bleibenden Eindruck: "Das Foto habe ich während der gesamten Arbeit an der Inszenierung im Kopf gehabt, weil auch Kleist die Gewalt mit dem Absurden in Verbindung bringt und die Brutalität damit selbst ein Stück weit ad absurdum führt."

Eine Herausforderung ist für Weber die Konfrontation mit einem klassischen Text. Zwar spielt er in den Kammerspielen auch als Horatio bei Shakespeares "Hamlet" und als Spiegelberg bei den "Räubern nach Schiller" mit. Aber das sind Inszenierungen mit jeder Menge Fremdtext. Jetzt wird Original-Kleist gesprochen.

Das Romeo-und-Julia-Motiv des Stücks hält Weber nicht für überstrapaziert. "Diese Konstellation hat etwas Zeitloses und Mystisches, das mich sehr ergreift." Seine Lieblingsszene findet sich am Anfang des dritten Aktes, als Ottokar und seine Geliebte Agnes ihre Distanz überwinden und ein Element des Vertrauens etablieren - für Weber nicht einfach zu spielen: "Die Szenen, die ich sehr mag, ängstigen mich am meisten. Missraten sie, fühle ich eine große Leere in mir. Gelingen sie aber, erfüllt mich das mit größtem Glück."

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