Kleiner Mensch vorm Hochhaus

- Das Beste an diesem "Hamlet" ist der Hamlet. Ist Christoph Luser. Ein sehr junger, innerlich brennender, ohnmächtig trauernder, gequälter Schmerzensjüngling. Mit flackerndem, nervigem Blick. Mit intensiver Demut, wenn er sich zu "Sein oder nicht sein" - seine Stimme kommt hier als lautes Denken aus dem Off - auf den Boden kauert, mit dem Gesicht ganz unten.

<P> In ihm ein Funken Stolz in dem Moment, als er die Last seiner Aufgabe erkennt: dass er geboren ward, die aus den Fugen geratene Welt wieder einzurenken. Da reißt er sich sein graues Hemd vom Leibe und rennt wie im Triumph in großen Bögen über die Bühne.</P><P>Dann dreht sich dazu ein Bühnensegment, und sichtbar wird ein weißes Lotterbett, in dem sich König Claudius, der üble Kerl, und seine Königin Gertrud, Hamlets liebestolle Mutter, wüst wälzen. Die Inszenierung hat uns wieder. Mit all ihrer Biederkeit, den moralischen wie den politischen Plattheiten, ihrer denkfaulen Selbstverliebtheit. Lars-Ole Walburg inszenierte an den Münchner Kammerspielen William Shakespeares "Hamlet". Und geht dabei den einfachsten Weg: Was nicht in den Konzeptkram passt, weg damit. Für das Politische werden Fremdtexte genommen - von privaten Bekenntnissen der Schauspieler bis zu Bush-Reden, von Pearl Harbor über Ruanda bis zum World Trade Center.<BR><BR>Denn gesellschaftskritisch und radikal neu will man natürlich sein am Hause Frank Baumbauers, und so beginnt der Theaterabend erst einmal ganz anders. Mit dem Schluss. Wenn der Vorhang aufgeht, sind schon alle tot, liegen herum auf der scheußlich geschmacklos ausstaffierten Bühne - ein von hohen runden Schlossmauern umgebenes Wohnzimmer. Auch Rosencrantz und Guildenstern liegen oder hängen da, auch Ophelia und Polonius, die doch eigentlich schon ein paar Szenen vor dem Finale begraben wurden.<BR><BR>Dumm herum steht nur Horatio und begrüßt leichenbittermienig mit einer Suada der Eigenbefindlichkeit das Publikum: Wie kann man was verändern, wie als Einzelner überhaupt reagieren? "Ein kleiner Mensch", sagt er ins Publikum, "steht vor einem riesigen Hochhaus, absolut hilflos; alles ist so komplex geworden, so undurchschaubar"; er habe "Angst vor der eigenen Inkompetenz". Auf "Hamlet" übertragen, hat er natürlich Recht. Ebenso 90 Minuten später Gertrud, wenn sie vor dem Fernseher nölt: "Ich dachte, wir machen uns mal 'nen schönen Abend."<BR><BR>Aber so weit sind wir noch nicht, erst einmal müssen die Toten sich erheben - natürlich alles immer zu Musik - und das Stück halbwegs von vorn beginnen. Claudius (Wolfgang Pregler mit sattsam bekannter Macht-Miene), Gertrud (erstaunlich blass: Ulrike Krumbiegel) und Polonius (mit trockenem Beamtenwitz: Jean-Pierre Cornu) - sie präsentieren sich als das Zentrum der Macht: Der König gibt eine Regierungserklärung; Beifall wird eingespielt. Ophelia (Katharina Schubert) und Bruder Laertes (Oliver Mallison) stehen mit Champagner bereit. Hamlet protestiert mit einem Schild, dass etwas faul sei im Staate Dänemark.<BR><BR>"Und die bei euch die Narren spielen, lasst sie nicht mehr sagen, als in ihrer Rolle steht."<BR>Hamlet zum Ersten Schauspieler, 3. Akt, zweite Szene<BR><BR>Die Nachricht vom Mord an seinem Vater und den Auftrag zur Rache erfährt er aus dem Fernseher, der überhaupt in dieser Inszenierung Dreh- und Angelpunkt ist. Auch das Stück "Die Mausefalle", das Hamlet eigentlich von den fahrenden Komödianten vor dem König aufführen lässt, um ihn des Mordes zu überführen, findet via TV statt - als Bericht über den 11. September. Das ist praktisch: denn es ist personalsparend - und Hamlet braucht somit nicht die Rede an die Schauspieler zu halten, dieses berühmte Credo Shakespeares ans Theater. Das aus der Inszenierung zu streichen, entbehrt freilich nicht einer gewissen Logik; denn der Regisseur will das Theater ja nicht als Spiegel der Zeit, sondern als Zeitgeistspiegel, als modische Fratze.<BR><BR>Es bedarf ja heute keines Muts, Bush-Fotos auf die Bühne zu hängen und ein Seminar zu halten über die Verquickung von Macht und Mord mit Fakten, die aus den Medien längst bekannt sind. Da werden in der Inszenierung Tabubrüche vorgegeben, wo gar keine Tabus mehr existieren. Die Tabus, nämlich die tiefen menschlichen Wahrheiten der Figuren aufzuspüren, dieser Mühe unterzieht sich Walburg nicht. So improvisiert sich das Ensemble über den wirklichen politischen Gehalt des Stücks, über die Widersprüche und die Charaktere und auch über die Komik der Tragödie munter hinweg.<BR><BR>Wo aber Shakespeare tatsächlich zur Improvisation auffordert, zur politischen Confé´rence, das ist die Totengräberszene. Frank Baumbauer weiß das, denn sie kostete ihn seinerzeit, als Sepp Bierbichler sie genial im Residenztheater spielte, das Intendantenamt. Jetzt musste Baumbauer akzeptieren, was künstlerisch unakzeptabel ist: dass im neuen "Hamlet" die Szene nicht mehr vorkommt.<BR><BR>Hier schummelt sich ein Regisseur um fast alles herum. Dass er allerdings am Ende, nachdem sich nach dem Scheingefecht die Darsteller Hände und Gesicht mit Blut aus einer dargebotenen Schüssel beschmieren, Hamlets letzten Satz - "Der Rest ist Schweigen" - gestrichen hat, ist nur konsequent; denn von Schweigen kann bei Horatios Schluss-Gequatsche über die USA und den Irak-Krieg und die Friedensbewegung keine Rede sein. Mit der Pistole knallt er in den Fernseher, und der hoch oben als Trophäe an der Wand angebrachte Giraffenkopf bekommt leuchtende Augen. Das deute, wer mag. Dem Premierenpublikum hat's fraglos gefallen. Dennoch watschte es den Regisseur mit einer gehörigen Portion Buh ab.</P>

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