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Ein kleiner Schritt zur Seite

- Spitzentitel im Hanser-Frühjahrsprogramm. Startauflage 100 000 Exemplare. Mit dem Roman "Sturmflut" war Margriet de Moor die begehrteste Schriftstellerin auf der Leipziger Buchmesse. Ihr soeben erschienener Roman passt - welch schrecklicher Zufall! - thematisch zu den Naturkatastrophen der jüngsten Zeit. Dabei liegt jene Flut, die de Moor zum Thema ihres Buches macht, 53 Jahre zurück. Damals, am 1. Februar 1953, fegte ein Unwetter den Südwesten der Niederlande von der Landkarte. Die Provinz Zeeland wurde überflutet, 1853 Menschen ertranken, 800 blieben vermisst.

Sie erzählen die tragische Geschichte zweier Schwestern. Die eine, Lidy, reist anstelle Armandas, der anderen, nach Zeeland - und findet dort den Tod. Sie haben drei Jahre an diesem Buch gearbeitet. Wie lange haben Sie gebraucht, um danach wieder von den Figuren loszukommen?

Margriet de Moor: Es ist ein dunkles Buch, ein tragisches. Es war schwierig, es aus meinem Kopf zu kriegen. Die Figuren wollten mich nicht verlassen. Darum und wirklich nur aus diesem Grund habe ich sofort ein neues begonnen, ein lustiges, einen kleinen Roman, der in einem Hotel für Varieté´-Artisten spielt.

Zu Beginn Ihres Romans "Sturmflut" lassen Sie den Leser beiläufig wissen, dass die 21-jährige Armanda ihre Abschlussarbeit an der Universität abgeliefert habe - und zwar über Shakespeares Dramen. Gibt es eine von Ihnen konkret gedachte Beziehung zu Shakespeares "Sturm"?

de Moor: das war nur eine ganz kleine Assoziation. Es ist ja oft so, dass die heftigsten Dinge geschehen und die Deutung nur so nebenbei erfolgt. Vielleicht wollte ich damit andeuten, dass Armanda doch nicht ganz harmlos ihre Schwester Lidy nach Zeeland geschickt hat. Unbewusst vermutlich und keine Sekunde überdacht. Das ist realistisch, unser Kopf ist voll von solchen Gedankenblitzen.

Sie waren zur Zeit der Sturmflut ein Kind. War sie Ihnen immer präsent, auch bevor Sie sich beruflich dafür interessierten?

de Moor: Ich glaube, für uns Niederländer ist das Wasser immer gegenwärtig. Besonders wenn man wie ich an der Küste aufgewachsen ist. Ich habe mir das als Kind oft vorgestellt, als ein Bild, ohne Angst. Das Meer ist hochinteressant. Und die Bedrohung durch das Wasser ist unheimlich aktuell.

Geradezu unheimlich auch die Duplizität der Ereignisse . . .

de Moor: Ich habe das Buch Weihnachten 2004 abgeschlossen, genau zwei Tage vor der Tsunami-Katastrophe. Mit Freunden beriet ich mich noch über den Titel, es sollte "Die Ertrunkenen" heißen - unter diesem Titel ist es auch in Holland erschienen. Und unmittelbar darauf sprach die ganze Welt über das Ertrinken. Doch die Tragödie, die sich 1953 bei uns ereignet hat, ist viel mehr noch mit der in New Orleans im letzten August zu vergleichen. Auch dort hat man gewusst, dass die Vorkehrungen nicht ausreichen würden. So sind die Menschen. Damals in Zeeland ist abends jeder zu Bett gegangen, obwohl man sich klar war, dass das Wasser gefährlich hoch stand. Wir neigen dazu, die Gefahr zu leugnen. So ist es in in der Realität. Und so ist es in meinem Roman. Als Stadtkind geht Lidy trotz des Sturms aufs Wasser. Sie geht in das Land ihrer Bestimmung. Von da an gerät sie zu ihrem eigentlichen, ihrem früheren Leben auf große Distanz. Was sie auf der Insel erlebt, das bringt sie in eine Art Rausch.

Woher beziehen Sie die intime Kenntnis des Ablaufs der Flut?

de Moor: Ich habe das sehr genau recherchiert und wirklich studiert. Ich wollte nicht die Schande erleben, dass die Sachverständigen später sagen würden: alles Quatsch. Es stimmt alles. Ein Roman ist zwar eine Fiktion. Aber wenn ich überzeugend sein will, müssen die Details stimmen.

An einer Stelle im Buch fragt sich Lidy: "Wenn niemand eine Ahnung hat, wo du steckst, und sich davon auch absolut keine Vorstellung machen kann, gibt es dich dann überhaupt?" Also existiert erst etwas durch unsere Wahrnehmung?

de Moor: Das ist eine tiefenpsychologische Frage. Sie heißt: Bin ich noch irgendwo? Unmittelbar vor ihrem Tod weiß Lidy nicht mehr, wer sie ist. Aber sie weiß: Ich bin hier, hier im Wasser. Ich meine, dass die Identität eines Menschen nur gedeutet werden kann von den äußeren Umständen. Die Figuren in meinen Büchern machen oft einen kleinen Schritt zur Seite - und das Leben hat sich völlig verändert. Ja, mich interessiert die Gleichzeitigkeit verschiedener Existenzen. Während Lidy ertrinkt, schlürft Armanda Kaffee. Und das geht immer weiter auseinander, denn die Jahre vergehen nur für Armanda. Die 36 Stunden von Lidy in der Todesflut bestimmen Armandas folgenden Jahrzehnte.

"Ein Mensch muss wohl zwei oder drei Personen in sich haben", stellt Lidy fest, als sie durch den Sturm urplötzlich in eine andere Existenz hineingeworfen wird. Wieviel Leben haben Sie in sich?

de Moor: Mit jedem Buch, das ich schreibe, ein anderes. Das wechsle ich auch innerhalb eines Buches. In der "Sturmflut" bin ich auch der Sturm.

Bei so einer abwechslungsreichen Existenz: Wieviel Seiten schreiben Sie an einem Tag?

de Moor: Wenn ich Glück habe, eine.

Mit dem Computer?

de Moor: Nein, mit der Feder. Man ist mit dem Computer zu schnell zufrieden. Es sieht dort so schön aus, schon so redigiert. Dagegen habe ich einen Argwohn. Schreiben ist irgendwie auch Zeichnen. Mein Mann war Bildhauer, und mich interessierte besonders sein Skizzenbuch. Denn ich sah darin seine Gedanken. Die zeichnende Hand denkt. Und ich denke anders, wenn ich mit der Hand schreibe. Erst wenn die Seite fertig ist, übertrage ich sie in den Computer.

Das Gespräch führte Sabine Dultz

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