Kleines Neidproblem

- Marcel ist schon wieder durchgefallen. In der staatlichen Schule hat er keine Chance mehr, drum wird er aufs Privatinternat geschickt. Seine Eltern haben schließlich Geld. Eine Woche vor Schulbeginn ist er ganz alleine dort und schreibt einen Roman über seine Sommerferien, die das darstellen, was man gemeinhin das Ende einer Jugend nennt.

<P>Georg M. Oswald hat seinem Roman "Im Himmel" einen Rahmen verpasst, der den Ich-Erzähler aus seiner gewohnten Umgebung reißt. Erst hier kann er sich über die Menschen klar werden, mit denen er sein Leben verbringt, seinen Gedanken ungestört nachgehen und zum Schluss kommen: "Es würde mich schon interessieren, wie es jetzt ist. Aber wahrscheinlich hat sich gar nicht so viel geändert. Es ändert sich ja nie etwas, egal, was passiert."</P><P>Und was ist passiert? Marcel lebt im fiktiven Welting am Starnberger See, dort, wo alle reich sind, aber trotzdem "ein kleines Neidproblem" haben. Gartenarbeit heißt hier, dem Gärtner Anweisungen geben. Die Jungen langweilen sich auf hohem Niveau bei Joints und Wodka am Pool. Abends fahren sie mit einem der vielen Autos nach München ins "Reich und Schön" in der Maximilianstraße. "Meine Freunde", schreibt Marcel, verbessert sich dann aber, "also die Leute, mit denen ich hier war" - echte Gefühle kommen in der Bussi-Bussi-Gesellschaft nicht auf: Statt "persönlicher Sätze" gibt es nur small talk, Lügen heißen "Höflichkeitsfloskeln". Was zählt, ist der "Erhaltungszustand" des Menschen - und der seines Geldbeutels. Zwischen Golfplatz und Porsche wähnt sich diese Gesellschaft "im Himmel", auch wenn der Reichtum auf polnischen Zwangsarbeitern gegründet ist.</P><P>Marcels Vater ist Anwalt und "hält sich für einen korrekten Typen, weil er in seiner Jugend ein paar Punkkonzerte besucht hat". Er findet es "hippie", sich nicht um angemessene Kleidung zu kümmern, und kommentiert seine Gegner im Geschwindigkeitstest auf der Autobahn mit Ausrufen wie "Sozialistische Lehrersau".</P><P>Oswald beschreibt klug und präzise eine Welt, in der alles an der Oberfläche bleibt. Bleiben muss, weil das Äußere das Einzige ist, was die anderen wahrnehmen. Wenn etwas schief läuft, wird es durch Geld gerade gebogen. Jeder ist käuflich. Nichts ist ein Problem. Als schließlich etwas "Reales" passiert, etwas "Nichtwiedergutzumachendes", wird die Scheinheiligkeit für einen Moment offenbar: "Die Reste jener Hochzeitsgesellschaft, die unversehens zur Trauergemeinde geworden war, standen ziemlich überfordert auf der zum so genannten Paradies gehörigen Liegewiese herum, auf der ein toter Bräutigam, noch mit der weißen Nelke im Knopfloch, eskortiert von zwei Freiwilligen der Bayerischen Wasserwacht, die ewige Ruhe antrat." Jeder traut hier jedem zu, ein Mörder zu sein; aus Freunden werden Verdächtige. Diese "Geister- und Dämonenwelt" aber, erkennt der Ich-Erzähler, ist "wirklich" - und "ich gehöre dazu".</P><P>Georg M. Oswald: "Im Himmel". Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg. 192 Seiten, 16,90 Euro.<BR></P>

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