Kleinganoven-Farce

- Kanada hat eben nicht nur weite Wälder: Der 57-jährige George F. Walker hat sich seit den 70er-Jahren zum populärsten anglo-kanadischen Theaterautor hochgeschrieben. Jetzt entdeckt man ihn auch hierzulande. Das Bayerische Staatsschauspiel will demnächst seinen Sechs-Stücke-Zyklus "Suburban Motel" (1997/98) herausbringen. Mit der Doppel-Premiere von "Loretta!" und "Genie und Verbrechen" aus dieser "Motel"-Serie machte die Münchner inkunst-Halle 7 wieder einmal den Vorreiter.

<P>Was hier abgeht - dagegen sieht Vicky Baums 20er-Jahre-Roman "Menschen im Hotel" blass aus. "Buffalo-Bums"-Kellnerin Loretta, schwanger von dem Freund ihres von einem Bären verspeisten Ehemannes, will mit Sex-Filmen das schnelle Geld machen und sich endlich weder von Männern noch (Schwieger-) Müttern dreinreden lassen. Ihr emanzipiert neuer Lebensstart trifft dank Mario Andersens Regie-Gespür für Walkers Mix aus Soap, Melodram und Krimi pfeilgerade ins Herz des schwarzen Humors: Mom und der Baby-Zeuger melden sich ständig per Telefon. Dave, der Möchtegern-Freund, und Michael, der angebliche Sex-Filmer, wetteifern um Lorettas Liebe und ihre "reizvolle" Vermarktungsmöglichkeit. <BR><BR>Schwarzer Humor<BR><BR>Ein Hahnenkampf, den Matthias Beier und Klaus Meile mit dem komischen Bitterernst von Jungmann-Machos in Luzia Gossmanns waschechtes Blümchentapeten-Motelzimmer toben. Nina Ahlers als Tochter des Motel-Besitzers, eines Ex-KGBlers, pfeffert in das Eifersuchts-Gezerche noch ihre Glasklar-Einsichten mit prachtvollstem russischem Akzent. Und mittendrin Rhada Hammoudahs Loretta, vom "Buffalo"-Cowboyfransen-Mini in freizügige Né´gligé´s (Adriana Taratufolo setzt das textile i-Tüpfelchen) wechselnd und doch vergeblich im Versuch, diese beiden, ja letztlich Weicheier zu tatsächlichen Aktionen zu bewegen. <BR><BR>Auch in "Genie und Verbrechen" sind die Motel-Gäste Gestrandete, Verlierer. Und hier noch pointierter ist das scheinbar oberflächlich boulevardeske Sprach-Pingpong eben Schutzschild oder Fluchtbewegung dieser armen Würstchen. Wie das Pleite-Duo Rolly und Stevie, spielsicher von Miklós Horváth und dem wandlungsfähigen Matthias Beier, diesmal herzrührend als zurückgebliebener, aber standhafter Sohn, die Motel-Rechnung mit einem Paar Schuhe bezahlt; wie sie vor ihrem Boss - Nici Weiss als starke Punk-Queen - todesängstlich bibbern, weil sie, ihrem Prinzip treu, den Auftrag ohne Gewaltanwendung ausgeführt haben, das ist eine hinreißend menschelnde Kleinganoven-Farce. Und mit Antje Hobuchers Wechsel vom Auftrags-Opfer zur selbstsicher-arroganten Anführerin im mafiösen Geflecht kommt dann alles nochmal ganz anders, als man denkt . . .</P><P>Bis 14.1., Karten unter Tel. 089/53 29 78 29. </P><P> </P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„José Carreras Gala“: Bub aus Bayern wirbt auf Plakat  für Benefizaktion 
Einen langen Weg hat Lucas Schmaderer hinter sich – durch die Hilfe von José Carreras’ Stiftung und der Universitätsklinik Regensburg geht es dem Bub nach seiner …
„José Carreras Gala“: Bub aus Bayern wirbt auf Plakat  für Benefizaktion 
Das Literaturhaus zieht ins Boxwerk
Mit „Das Leben des Vernon Subutex“ hat die Autorin und Regisseurin Virginie Despentes einen wilden, erhellenden und komischen Roman über die französische Gesellschaft …
Das Literaturhaus zieht ins Boxwerk
Samsationell – Paul Maar wird 80!
Heute feiert Paul Maar seinen 80. Geburtstag. Wir haben den Kinderbuchautor und Erfinder des „Sams“ in seiner Wahlheimat Bamberg besucht. 
Samsationell – Paul Maar wird 80!
Andreas Beck wird Resi-Chef
Bayerns Kunstminister Ludwig Spaenle stellte Andreas Beck als neuen Intendanten des Bayerischen Staatsschauspiels vor. Der 52-Jährige folgt auf Martin Kušej, der München …
Andreas Beck wird Resi-Chef

Kommentare