Kleinkrämer der Liebe

- Jon Fosse ist ja derzeit "trendy", ein Dichter aus dem nebelumwaberten Norwegen; war da nicht auch dieser Ibsen her? Die Münchner Kammerspiele hatten mit Fosses "Traum im Herbst" viel Theater-Glück und wollen das nun auffrischen: mit "Da kommt noch wer". Das Glück kam jedenfalls nicht. "Traum im Herbst" überzeugte vor allem dadurch, dass der Text energisch gekürzt wurde, Regisseur Luk Perceval klug agierte und die Schauspieler sehr viel Substanz hinzufügten. Das jetzige Stück, das am Mittwochabend im wiedereröffneten Werkraum - wozu, da es doch mehrere Bühnen im neuen Probengebäude gibt? - Premiere hatte, ist aber schon so kurz, dass Streichungen eine Eliminierung bedeuten würden. Christiane Pohle hat sich also mit ihrer Inszenierung auf Fosses Minimalismus eingelassen.

<P>In der bildenden Kunst bedeutet Minimalismus meist Schlichtheit, die zu Klarheit und Tiefgang führt. Bei Fosse bleibt der Minimalismus seicht, weil bloßer Gestus. Satz-Repetitionen und viele Leerstellen verschaffen dem Beziehungsgeschichtlein zwischen "Ihm", "Ihr" und "Dem Mann" denn doch nichts Spannendes. So ist dieses Stückchen, hochtrabend in Verszeilen geschrieben, lediglich Fingerübung für Regie und Schauspieler. Vor und hinter dem stimmungsvollen Meer-Himmel-Prospekt von Anna Börnsen, die auf den Realismus eines norwegischen Küstenhauses verzichtet hat, erarbeitete das Team seriös seine Interpretation.</P><P>Stephan Bissmeier, tonlos sprechend, lässt einen laschen Gefühls-Erpresser ("Er") auftreten, einen Kleinkrämer der Liebe, der gallig mit der Münze der Eifersucht zahlt. Er gibt den Typen, bei dem jeder Frau die Begriffe Leidenschaft und Erotik aus dem Gehirn radiert werden. Dennoch verteidigt der Schauspieler die Figur, verschafft ihr zumindest Mitleid und Schmunzeln. Katharina Schuberts "Sie" mit ihrem klaren, fast mädchenhaften Gesicht rührt an. Rotwangig aufgeregt versucht sie, es "Ihm" immer recht zu machen, den Wunsch(alb)traum vom ewigen "allein zusammen" auch gegen die eigene Angst zu verwirklichen. Dass "Sie" den aufdringlichen Nachbarn durchaus nett findet, gibt sie deshalb nicht einmal vor sich selbst zu. Bei Oliver Mallison ist "Der Mann" ein Jung-Stenz in gelben Hosen und Cowboy-Stiefeln, der immerhin zeigt, dass es so etwas wie Fleischlichkeit noch gibt.</P><P>All das Engagement in Ehren. Aber muss man das einstündige Ergebnis eines Bühnen-Workshops unbedingt dem Publikum - obendrein für gutes Geld - zeigen?</P>

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