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Gastro-Tester in tiefster Provinz: Ferdinand Dörfler als Herr Bösel (li.) und Peter Weiß als Herr Fellner.

Kleinkunst: Vom Schmäh befreit

München - Das neue Schwabinger Restaurant-Theater „Rohrer & Brammer“ eröffnete mit der Tragikomödie „Indien“. Sie ist noch bis zum 23. Oktober zu sehen.

Vorbei die Zeit, als es an der Schwabinger Kaiserstraße eine etwas rumpelige Alt-68er-Theater-Kneipe gab, mit Emaille-Reklameschildern an den Wänden, Bühne im Hinterzimmer, Wirtshaus-Stühlen vorn und einem gemütlichen Bierdunst über den Tischen. Aber man kann nicht sagen, dass das alte „Heppel & Ettlich“, das nach 33 Jahren kürzlich in die Feilitzschstraße umgezogen ist, unter der nun ausgebreiteten Prosecco-Eleganz nicht mehr wiederzuerkennen wäre. Bei ihrem Einzug in die Männerbude von Wolfgang Ettlich und Henry Heppel musste die neue Theater-Frauen-WG erst einmal die Decke und die technische Anlage sanieren und neue Auflagen wie eine Schalldämmung erfüllen.

Susanne Rohrer, die Bayern 3-Moderatorin, und ihre Kabarett-Partnerin Christiane Brammer, Schauspielerin, putzten bei dieser Gelegenheit die alte Gastro- und Brettl-Immobilie mit dunklem, trendigem Mobiliar und metallenen Hängeregalen heraus, öffneten den Theaterraum zum Restaurant hin, ließen aber die alten Theaterplakate neben den Zuschauerreihen hängen und nannten das neue Theater-Bar-Restaurant-Gebilde in bewährter Doppelnamen-Manier „Rohrer & Brammer“. Das (männliche) „und“ zwischen ihren Namen, so die beiden am Eröffnungsabend, stehe übrigens für Gastronom André Bahlo, der statt Kneipenkarte eine ambitionierte, aber immerhin alpenländische Küche anbietet. Insgesamt also eine behutsame Verjüngungskur für das Traditionslokal – ganz Schwabing heute: etabliertes Alt-68er-Tum und seine Erben.

Dazu passte ganz gut der entschärfte Humor des Eröffnungsabends: Josef Haders und Alfred Dorfers eigentlich bitterböse Tragikomödie „Indien“, legendär in der Verfilmung von 1993, hatte (nur) in einer bajuwarisierten Inszenierung von Georg Büttel München-Premiere. Programmatisch wollten Rohrer und Brammer das Stück verstanden wissen, verbinde „Indien“ doch Kabarett und Theater (und mit dem Motiv des Schnitzel-Testens auch noch die Gastronomie), wie sie es selbst in ihrem Haus vorhaben. Ein bisschen Komödienstadel schlich sich allerdings mit dieser vom Schmäh befreiten, entösterreichifizierten und darum harmloseren Fassung auch ein.

Zugegeben, die Messlatte von Hader und Dorfer liegt hoch, aber wenn Ferdinand Dörfler als Herr Bösel und Peter Weiß als Herr Fellner mehr vielsagende Pausen und Blicke und auch die Wirkung der feinen sprachlichen Spitzen und Gemeinheiten zuließen, kämen sie ihr noch näher. Meistens poltert bei ihnen der Dialog der beiden Gastro-Tester auf ihrer Fahrt durch die Provinz plump vor sich hin und wird fürs Publikum zur Schenkelklopfer-Kreisch-Gaudi. Und das schadet vor allem dem tiefernsten zweiten Teil, denn da hat der besserwisserische, gschleckte Herr Fellner Hodenkrebs, und allein der Herr Bösel, als schmatzender, klobiger Schnitzel-Tester kürzlich noch sein ärgster Feind, begleitet sein Sterben.

Eine krasse Wendung schon in Stück und Film, die nach der kracherten Komödienseligkeit in dieser Inszenierung peinlich berührt und beschämt. Weil das wunderbare Stück aber dadurch nicht totzukriegen ist, war es dennoch ein gelungener, stark bejubelter Anfang für Rohrer und Brammer. Von Ernst bis Komik, Hochgefühlen bis zu Diskussionswürdigem haben sie damit ihr neues Terrain abgesteckt, auf dem sich noch viele Brettl-Schätze werden heben lassen.

von Christine Diller

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