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„Dieser ,Rausch‘ hat sicher auch eine sexuelle Komponente“: Lisa Wagner (hier mit Shenja Lacher) spielt die Titelrolle in Heinrich von Kleists Drama „Penthesilea“. Foto: Thomas Dashuber

„Kleists Sprache ist der reine Wahnsinn“

München - „Bei mir ging es ratzifatzi", sagt Lisa Wagner. Vor neun Jahren engagierte Dieter Dorn die damals 21-Jährige von der Schauspielschule weg, und seitdem gehört sie zu seinem Ensemble am Münchner Residenztheater. Jetzt spielt Lisa Wagner dort die Titelheldin in Heinrich von Kleists Drama „Penthesilea" aus dem Jahr 1808.

Sie spielt die Amazonenkönigin, die sich in ihren Gegner, den Griechenhelden Achill verliebt und ihn in einer Art Liebes-Kampf-Trance tötet. Regie führt Hans-Joachim Ruckhäberle, Premiere ist morgen (19 Uhr).

-Frau Wagner, sind Sie eine Amazone?

Wahrscheinlich schon. Es macht Spaß, in der Amazonenrolle mal dem aggressiven Impuls nachzugeben, was man sich ja sonst als Frau nicht so traut. Ich glaube, die meisten Frauen wären gerne Amazonen, weil das toll klingt, dass sie die Männer auf deren eigenem Gebiet auch schlagen können. Andererseits weiß ich gar nicht, ob das so erstrebenswert ist. Heute sind ja eher wieder die weiblichen Eigenschaften im Kommen.

-Wie sehen sie die Figur der Penthesilea?

Sie kann sich mit dem Allerweltsmaß nicht zufriedengeben, sie neigt zu den extremen Gefühlen, geht in die Vollen, ist direkt vom Impuls gesteuert.

-Spielt die politische Dimension des Stücks in der Inszenierung eine Rolle?

Unsere Fassung geht eher auf die problematische Liebesgeschichte zwischen den beiden Hauptfiguren ein, nicht so sehr auf den politischen Aspekt, denn den transportiert das Stück sowieso. Es ist ja gegen das Preußentum, gegen den Gleichschritt im übertragenen Sinn geschrieben. Penthesilea versucht, aus diesem unbarmherzigen, gefühllosen System auszubrechen, weil es sich nicht am Individuum orientiert, aber sie ist ja zugleich der Kopf des Systems. Da besteht in ihr dieser Konflikt zwischen Emotion und Staatsräson.

-Und daraus entsteht dann die Schizophrenie, dass sie ihren Geliebten in einer Art Trance tötet. Oder soll man es Rausch nennen?

Dieser „Rausch“ hat sicher auch eine sexuelle Komponente. Man kennt ja das Gefühl, wenn man jemanden liebt, oder auch bei kleinen Kindern, dass man da so reinbeißen möchte vor Wonne. Und das tritt vielleicht in extrem übersteigerter Form bei Penthesilea auf, wenn sie den Achill zerfleischt mit ihren Hunden.

-Worin besteht die Aktualität des Stückes?

Die Tendenz in unserer Gesellschaft ist ja, alles zu kontrollieren, passend zu machen und rechtwinklig. Vielleicht wäre ein Zusammenleben auch nicht möglich ohne all diese Begradigungen, aber wenn dann jemand im Gegensatz dazu mal wirklich frei agiert, hat das eine große Attraktivität. Wie etwa auch bei Yasmina Rezas „Gott des Gemetzels“, wo die kultivierten Bürger plötzlich zu Tieren werden. Wenn man den tierischen Aspekt unserer Existenz nämlich komplett verneint, bricht er an anderer Stelle irgendwo wieder raus, sei’s in Kriegsverbrechen oder in Amokläufen.

-Steckt das nicht alles auch schon in Kleists extrem gespannter Sprache drin?

Ja, letztendlich nur in der Sprache. Die ist unbeschreiblich bei Kleist, ein reiner Wahnsinn! Wenn man sich diesen Sätzen wirklich anvertraut, folgt die Emotion auf dem Fuß, die in ihnen aufgestaut ist. Zumal die Bühne in unserer Aufführung sehr reduziert ist, da gibt es kein bilderträchtiges Konzept, auf dem man sich als Schauspieler ausruhen kann. Das ist eine Chance, aber auch sehr schwierig. Wir müssen es schaffen, die Bilder quasi aus der Sprache zu erwecken.

-Wie sehen Ihre Pläne für die Zeit nach dem Ende der Ära Dorn im kommenden Jahr aus?

Wir sind ja alle gekündigt. Das ist auch ganz natürlich, Dorns Nachfolger Martin Kusej will ja was ganz Eigenes anfangen.

-Sie haben ja auch schon in etlichen Filmen oder etwa dem „Tatort“ mitgespielt. . .

Film ist eine ganz andere Disziplin, ich bin da immer noch sehr aufgeregt. Es wäre natürlich schön, wenn ich ein bisschen was drehen könnte, aber ich kann’s mir nicht vorstellen ohne Theater. Dass man sich neun Wochen mit einem solchen Text wie „Penthesilea“ beschäftigt, das ist ein absoluter Luxus.

Das Gespräch führte Alexander Altmann.

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