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Stammesleben in originaler Tracht: Szene aus der „Mandela Trilogy“ mit der Cape Town Opera.

Premierenkritik

"Mandela Trilogie": Klingende Postkarte

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München - Die „Mandela Trilogy“ gastiert auf ihrer Welttournee im Deutschen Theater München. Eine Premierenkritik.

Evita Peron oder Pop-Ikone Falco auf die (Musical-)Bühne zu bringen, war sicher auch ganz schön knifflig. Aber bei Südafrikas großem Freiheitskämpfer Nelson Mandela stellt man sich das wie die Besteigung des Mount Everest vor. Michael Williams, der für seine noch junge, aber hoffnungsvolle Cape Town Opera (CTO) neue spannende Musiktheater-Produktionen braucht, hat sich, als Librettist und Regisseur, mutig wie ein Bungee-Springer in die komplexe Materie gestürzt. Seit vergangenem Jahr ist die „Mandela Trilogy“ auf Welttournee und macht jetzt beim kooperierenden Münchner Deutschen Theater Station. Stürmischer Premieren-Applaus.

Die Nachrufe auf Mandelas Tod im Dezember 2013 haben noch einmal die volle Aufmerksamkeit auf sein öffentliches wie privates Leben gelenkt. Aber selbst, wer sich aus unserer Informationsgesellschaft ausgeklinkt hat, bekommt in dieser Trilogie einen sehr ordentlichen Überblick über die Vita: von Mandelas Jugend im ländlichen Qunu über seine Zeit in Sophiatown als schon politisch kämpferischer Rechtsanwalt bis zu seiner 27-jährigen Haft auf Robben Island und im Pollsmoor-Gefängnis. Am Schluss dann seine erste Rede als freier Mann auf der Grand Parade in Kapstadt.

Die Truppe hat gute bis hervorragende Stimmen. Aubrey Poo als junger draufgängerischer Mandela und Aubrey Lodewyk als der gereifte Menschenversöhner überzeugen auch darstellerisch. Und doch bleibt man fast durchgehend distanzierter Betrachter. Woran liegt’s? Im Großen und Ganzen an der chronologischen Struktur zwischen brav bebilderter und episch eingeholter Biografie: Mandela und Gefängniswärter liefern immer mal wieder rückwärtige Mauerschau. Da baut sich keine Dramatik auf. Und im Detail: Im Qunu-Akt – auf authentisches Südafrika war man ja vor allem gespannt – stellt das Ensemble Stammesleben in Tracht nach. Das eher Postkarten-trächtig und viel zu lang. Was choreographisch-tänzerisch geboten wurde, beweist eindringlich: Für seine Tanzkunst ist Südafrika nicht berühmt. Und wenn Peter Louis van Dijk, Komponist für Akt I und III, tatsächlich Xhosa-Musik in seine zeitgenössische Partitur einfließen ließ, ist es nicht mehr hörbar. Auch die selten eingeschobenen traditionellen Xhosa-Lieder gehen irgendwie unter. Generell lösen südafrikanische Chöre mit ihren harmonisierenden Stimmen (man erinnert das „Sarafina“-Musical) ein euphorisierendes Körpergefühl aus. Hier nicht. In diesem Teil I singt übrigens der stimmstarke Chor die von Albert Horne dirigierten Münchner Symphoniker im Graben ziemlich nieder.

Ein bisschen zieht die Story im mittleren Teil an, für den Mike Campbell jazzig den 50er-Jahre Stil einholte. Da zoomt auch kurz treibende Minimal-Musik à la Philip Glass rein. Und in Sophiatowns Vergnügungstreffpunkt, wo neben Mandelas Frauengeschichten die Ausweisung der schwarzen Bewohner abgehandelt wird, kann die fesche Zolina Ngjane mit vollkehliger Stimme, sexy Körpersprache und US-Akzent zeigen, dass Südafrikas Frauen auch am Broadway punkten können. In Teil III dann zeitgenössische Worldmusic-Oper, kompetent geschrieben, aber wenig aufregend. „Im Bereich Oper sind wir noch Teenager“, hatte Williams im Interview gesagt. Haben wir also etwas Geduld. Und mit ihrem Ausbildungszentrum für junge begabte Sänger und Sängerinnen (aus allen Schichten!) in aufstrebender Entwicklung, wird die Cape Town Opera sicher auch wieder hier vorbeikommen.

Malve Gradinger

Vorstellungen: bis 15. Juni (außer dienstags);

Telefon 089/ 55 23 44 44.

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