Klischees knacken

- Jetzt kann man gleich mit dem Grill-Schubkarren zum Picknick fahren. Mit dabei die Discowelt der Jugend und die teppichbewährte Tradition der Älteren. Die Vorurteile über Türken werden gebündelt in der Münchner Rathausgalerie bestätigt. Hafriyat darf das. Denn Hafriyat ist eine Gruppe Istanbuler Künstler, die sich freigeschwommen hat und mit einer satten Portion Kritik und Humor ihr Land neu definiert. Gerade zu Zeiten des heiß diskutierten EU-Beitritts ist das ein trefflich mutige Sache.

<P>Reiseland, Land der Emigranten und Gastarbeiter, Land an der Schwelle des Orients: Diese Bilder haben mit denen im Rathaus nur wenig gemein. Viel eher staunt man über dreistes Anprangern politischer Missstände und religiöser Beschränkungen. Der Name "Hafriyat" (Baustelle, Ausgrabung) ist also Programm. </P><P>Das Umbruchsland wird unter dem Titel "Yalan Dünya - Falsche Welt" auf seine globalen und lokalen, guten und bösen Wurzeln hin erforscht (bis 27. 6.). Antonio Cosentino installiert den Gebetsteppich unter Kanistern und bunten Glühbirnen. Kultur total? Hakan Gürsoytraks Alltag ist ein anderer: Er hat die Kultur mittels eines Kühlschranks als Junk-Environment erfasst. In seinen Bildern definiert er Massenszenen in Polizeischulen oder Hochzeiten als gesellschaftliche Uniformierung. Bei Tina Fischer wird die allmächtige Familientradition zum modernen Neon-Porträt. <BR><BR>Wesentlich schriller und direkter geht Caner Karavits mit seinem Soldaten samt bunt leuchtendem Heiligenschein zu Sache. "Extrastruggle" schlägt einen ebenso krassen Weg ein: In schlichtem Schwarzweiß schickt man Spielzeugfiguren in einen Trickfilm-Friedenswald der religiösen Absurditäten. Migrationstafeln und -pfeile drücken genau das aus, was die Türkei und auch ganz Europa ausmacht: Es sind eigenwillige und doch miteinander verwobene Nationen.</P>

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