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Exzellentes Ensemble: Wiebke Puls als Klytämnestra, Katja Bürkle als Iphigenie und Steven Scharf als Agamemnon (v.li.).

„Atropa – Die Rache des Friedens“: Die Kritik

München - Ein Höhepunkt: Stephan Kimmig inszenierte für die Münchner Kammerspiele „Atropa – Die Rache des Friedens“. Hier lesen Sie die Kritik:

In diesen zwei Theaterstunden stimmt vieles und passt alles zueinander: Da ist die karge, weiße Bühne, die Katja Haß gebaut hat, und die durch Trennwände und eine Rampe ins Ungewisse unbarmherzig ausgeleuchtete (Assoziations-)Räume öffnet. Da ist die präzise Schauspielerführung von Stephan Kimmig, der nicht zu viel bebildert in diesem bildgewaltigen Stück, sondern der Wucht der Sätze und den Schauspielern vertraut. Da ist dieses fabelhafte Ensemble, über das noch zu reden sein wird. Und da ist – natürlich – der tolle Text von Tom Lanoye. Kimmigs Inszenierung „Atropa – Die Rache des Friedens“, die am Samstag ihre zu Recht umjubelte Premiere im Schauspielhaus der Kammerspiele feierte, ist daher ein Höhepunkt im ersten Spielzeit-Drittel dieser Münchner Theatersaison.

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Autor Lanoye, Jahrgang 1958, dessen Shakespeare-Marathon „Schlachten!“ vor zehn Jahren in der Jutierhalle zu sehen war, setzt auch bei seinem 2008 uraufgeführten Stück „Atropa“ auf Kompilation: Er hat antike Stoffe, Motive aus Euripides’ „Iphigenie auf Aulis“ (uraufgeführt 405/400 v. Chr.) und Aischylos’ „Orestie“ (458 v. Chr.), verschnitten mit Passagen aus Reden des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush und seines Verteidigungsministers Donald Rumsfeld. Lanoye hat das, was die Politiker über die militärischen Interventionen in Afghanistan und im Irak sagten, derart geschickt mit der Geschichte des Trojanischen Kriegs verwoben und ins Versmaß gebracht, dass Unterschiede kaum zu erkennen sind. So zeigt der Autor, wie wenig sich die Kriegsrhetorik seit der Antike gewandelt hat. Und er entlarvt das Gerede vom gerechten Krieg, der Demokratie, Wohlstand und Kultur verbreiten soll, als Propagandalüge, die die eigentlichen Interessen der Aggressoren kaschiert. Natürlich hätte dies auch gut gemeinter, jedoch letztlich harmloser Agitprop werden können. Doch Kimmig, der an den Kammerspielen zuletzt Lanoyes „Mamma Medea“ inszenierte, hat die Klugheit und Wucht der Vorlage erkannt und durch seine Strichfassung noch verstärkt. An den seltenen Stellen, an denen das Stück zu lang in schlichten Mustern verharrt – aggressive Männer, darunter leidende Frauen – unterläuft Kimmig dies geschickt, indem er mit Walter Hess einen Klageführer etabliert. Die Schauspieler hüten sich ebenfalls davor, ihre Figuren schlicht und durchschaubar zu skizzieren.

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Steven Scharf zeigt Agamemnon derart facettenreich, dass man sich nie sicher sein kann, was ihn nun wirklich antreibt: Ja, er gönnt ihm menschliche Momente, zeigt den Kriegsherrn zutiefst zerrissen, als es darum geht, die Tochter für den Sieg opfern zu müssen. Doch im nächsten Augenblick schaltet Scharf in den Politiker-Modus, „Es geht hier nicht um mich, es geht um uns – uns alle“, gewinnt darüber Sicherheit, die er zur Kaltblütigkeit pervertiert. Polit-Sprech und Feldherrn-Floskeln als Stützkorsett eines schwachen, starken Mannes. Herzzerreißend, wie Wiebke Puls als Klytämnestra versucht, ihren Gatten zu rühren, aber der gehört „seinem Land“. Puls gestaltet auch den starken Moment des Endes, als Klytämnestra den Ehemann entgegen des Mythos nicht tötet, sondern mit dem Leben straft, ihn und seine hohle Rhetorik von Opfern, die nicht umsonst gewesen sein sollen, ins Leere laufen lässt. In den Armen hält Agamemnon da die tote Kassandra, Schwester seines trojanischen Feindes und Ebenbild seiner Tochter, dem ersten Opfer dieses Kriegs.

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Katja Bürkle spielt beide Frauen mit schier unglaublicher Intensität. Zu Beginn ist sie ein ganz scheues Mädchen, das die Bühne in Cheerleader-Posen entert, dabei jedoch Lotsenfahnen schwingt. Ein erster Hinweis, dass der neckische Spaß bald strengen, ja blutigen Regeln weichen muss. Wie Bürkle die unpassenden, weil allzu offensiv-weiblichen roten Lackschuhe anzieht, so wird sich ihre Iphigenie kurz darauf auch die Rolle des Opfers überstülpen. Durch Einflüsterung von Scharfs teuflischem Agamemnon findet sie ihr Selbstbewusstsein als Frau im Glauben, für eine höhere Sache zu sterben. Scheinbar mühelos spielt Bürkle diesen Wandel.

Daneben beeindrucken Anna Maria Sturm, die ihre Helena so spielerisch-lustvoll wie gnadenlos analysierend zeigt, und Gundi Ellert, deren Hekabe mit wenigen Sätzen große Trauer heraufbeschwören kann. Kimmig und seinem Ensemble ist ein Theaterabend gelungen, der etwas zu sagen hat – ohne geschwätzig zu sein. Ein Theaterabend, der eine Botschaft vermittelt – ohne oberlehrerhaften Ton. Ein Theaterabend, der klug, unterhaltsam und relevant ist. Was will man mehr?

Die Handlung

„Atropa – Die Rache des Friedens“ besteht aus drei Teilen: Der erste und letzte spielen im Griechenland Agamemnons, der „Heimatfront“. Zunächst geht es darum, dass Agamemnon seine Tochter Iphigenie opfern muss, „im Tausch für Schlachtenglück und guten Wind“. Teil zwei spielt in Troja, der „Front im Osten“, und zeigt den siegreichen Besatzer mit den Frauen des trojanischen Herrscherhauses. Sie können ihn nicht davon abhalten, auch Astyanax, Hectors Buben, zu töten. Zurück in der Heimat bietet Agamemnon seiner Frau Klytämnestra – im antiken Mythos tötet sie ihn – die Frauen als Sklavinnen an. Er selbst hat sich Kassandra, Hectors Schwester, genommen, die seiner Tochter ähnlich sieht. Klytämnestra tötet die Frauen. Als Agamemnon sie jedoch um den Tod bittet, verweigert sie ihm diesen.

Die Besetzung

Regie: Stephan Kimmig.

Bühne: Katja Haß.

Kostüme: Anja Rabes.

Darsteller: Steven Scharf (Agamemnon), Wiebke Puls (Klytämnestra), Katja Bürkle (Iphigenie/ Kassandra), Anna Maria Sturm (Helena), Gundi Ellert (Hekabe), Katharina Hackhausen (Andromache), Johannes Geller/ Florian Burgkart (Astyanax), Walter Hess (Namenloser).

Nächste Vorstellungen

am 23., 27., 30. Dezember; Telefon 089/ 233 966 00.

Von Michael Schleicher

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