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Der Thomanerchor singt in Leipzig unter der Leitung von Thomaskantor Georg Christoph Biller während einer Motette in der Leipziger Thomaskirche

Knabenchöre im Weihnachtsstress

München - Von wegen Besinnlichkeit: Die Weihnachtszeit bedeutet für Thomaner und Kruzianer – Sachsens berühmteste Sängerknaben – vor allem Probenstress und einen wahren Konzertmarathon.

Manchmal nervt es, wenn am ersten Weihnachtsfeiertag morgens um vier der Wecker klingelt. Dann heißt es im Alumnat des Dresdner Kreuzchores: raus aus den Federn. Denn um sechs Uhr steht die Christmette in der Kreuzkirche an. Nicht immer leicht für die 150 Jungen im Alter zwischen neun und 18 Jahren. „Aber man hat ja ein wichtiges Amt“, sagt der 14-jährige alte Kruzianer Richard mit Blick auf die reichlich 700-jährige Tradition des Knabenchors. „Es macht trotzdem Spaß, schließlich machen wir die Leute glücklich.“

Die Christmette ist nur einer von vielen Terminen in der Weihnachtszeit, in der die Sängerknaben einen wahren Konzertmarathon absolvieren: Weihnachtsoratorium, Liederabende, Tourneen und Gottesdienste stehen auf dem Programm, bis zu 20 Veranstaltungen sind es allein im Dezember. Hinzu kommen tägliche Proben. „Für die Jungs ist das harte Arbeit“, sagt Kreuzchor-Sprecher Christian Schmidt. Auch am Heiligabend, wenn Gleichaltrige schon längst ihre Geschenke auspacken, singen sie in der Kirche. Erst spät am Abend bleibt Zeit für Besinnliches: Im Alumnat gibt es ein festliches Weihnachtsessen und Bescherung, später werden alle Lichter ausgeschaltet. „Dann laufen die Jungs mit Kerzen durch die Schule und singen Weihnachtslieder – da sind sie ganz bei sich und für sich“, erzählt Schmidt.

Auch die Sängerknaben des Thomanerchores in Leipzig eilen in der Weihnachtszeit von Auftritt zu Auftritt: Rund 15 Veranstaltungen stehen an, für die täglich geprobt werden muss. „Das ist eine wirklich intensive Zeit“, sagte Chorsprecherin Uta-Maria Thiele. Ebenso wie die Kruzianer sind die Thomaner an Heiligabend nicht in ihren Familien, sondern stehen in der Kirche. „Die Jungen beschenken sich aber abends im Internat und bekommen Präsente von der Chorleitung“, berichtet Thiele. Der zwischen 1723 und 1750 von Johann Sebastian Bach geleitete Knabenchor gilt als einer der ältesten und besten der Welt. Vor allem die Aufführungen des Weihnachtsoratoriums von Bach mit dem Gewandhausorchester zählen zu den musikalischen Höhepunkten im Konzertjahr der Thomaner. Zum Ausgleich für ihren stressigen Alltag toben sich die Buben gern auf dem Fußballplatz aus, fahren Fahrrad, spielen Tischtennis und hören Musik – allerdings nicht nur Klassik, sondern auch Hip-Hop oder Rock. „Ganz normale Jungs eben“, sagt Thiele.

Seit dem Jahr 1212 werden an der Thomaskirche und in der zugehörigen Schule Knaben ausgebildet. Im nächsten Jahr begeht der Thomanerchor sein 800-jähriges Jubiläum. Gefeiert wird mit fünf Festmusiken, im März gibt es eine Festwoche zum Thomaner-Geburtstag – unter anderem mit einem internationalen Knabenchortreffen.

Und auch bei den Dresdner Kruzianern stehen im kommenden Jahr wieder zahlreiche Gastspiele, Konzerte und Tourneen, etwa nach Japan, an. Bevor das neue Jahr beginnt, heißt es für die jungen Sänger allerdings erst einmal durchatmen: Denn am Nachmittag des ersten Weihnachtsfeiertages geht es nach Hause zu den Familien – Geschenke auspacken und entspannen unterm heimischen Christbaum.

von Christiane Raatz

Der Tölzer Knabenchor

singt heute um 20 Uhr ebenfalls das Weihnachtsoratorium – im Münchner Herkulessaal. Telefon 089/ 811 61 91.

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