Es knarzt und knallt molto furioso

BR-Symphonieorchester in Italien: - Mariss Jansons und seine BR-Rundfunk-Symphoniker auf Tournee in Italien. Vier Stationen passiert das Orchester derzeit: Turin, Florenz, Neapel und Mailand.

"Wir werden den Gasteig noch vermissen." Und dazu lächelt Mariss Jansons etwas zu verräterisch. Von der Isar an den Arno wie vom Regen in die Traufe? Denn wahr ist ja schon: Das Teatro Comunale in Florenz hat einige Macken. In den Foyers werden zwar die Besucher von Karl Lagerfelds luxuriösen Kostümen für "Hoffmanns Erzählungen" begrüßt. Der Zuschauerraum mit seinen beiden Rängen ist allerdings ebenso schmuck- wie charmelos. Und wenn das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks spielt, dann wird der Klang durch die Akustik geradezu entblößt und scheint, soeben erst produziert, den Musikern vor die Füße zu fallen.

Richard Strauss‘ "Also sprach Zarathustra" und Beethovens dritter Leonoren-Ouvertüre bekommt das weniger, Bartóks "Wunderbarem Mandarin" steht es allerdings perfekt. Es knarzt und knallt molto furioso, vor allem das Finale entwickelt staubtrockenen Swing - ein Riesenerfolg beim Publikum.

 Die Auswahl abseits von Beethoven und Brahms mag nicht ganz den italienischen Vorstellungen eines Concerto bellissimo entsprechen. Doch bei Qualität gibt sich auch der Hochkulinariker zufrieden - besonders, wenn er zum Zugabengang Mascagnis Intermezzo aus "Cavalleria rusticana" und Strauss‘ "Rosenkavalier"-Walzer als Dolci serviert bekommt.

Der kurioseste Konzertsaal zu Beginn: Der Turiner Lingotto war einst Fiats Reich und die größte Autofabrik der Welt, bis Star-Architekt Renzo Piano den Bau zum Kulturzentrum mit Einkaufsmeile umgestaltete. Der rechteckige Saal hat 1900 Plätze. Aber: Er hat keine Pfeifenorgel, sondern bietet nur elektronischen Ersatz, der Jansons in Sachen "Zarathustra" deutlich zu schaffen macht. "Können Sie etwas anderes anbieten", fragt er Organist Elmar Schloter. Und als sich noch immer nicht das Wummern am berühmten Beginn einstellen will: "Ist das alles?"

Die Besonderheit dieser Tournee: Das Orchester reist mit einem einzigen Programm. "Mandarin", "Zarathustra", nur Vorspiel und Liebestod aus Wagners "Tristan" werden in Florenz durch die Beethoven-Ouvertüre ersetzt. Gerade erst hatte man die Werke in München gespielt, dann noch einmal in Wien. Anlass genug also, die Wirkung in verschiedenen akustischen Situationen zu überprüfen. Ein Vergleich, bei dem München - wie immer - durchwegs schlecht abschneidet.

Denn natürlich ist der ersehnte eigene Konzertsaal Dauerthema. Oft scheint‘s, als müsse man nur ein Orchestermitglied einige Sekunden herausfordernd anschauen, schon sprudeln die Argumente pro Marstall. Am allerheftigsten natürlich beim Chefdirigenten selbst. Auf die Frage, ob Jansons optimistisch ist, zögert er zunächst lange.

"Ich hoffe einfach auf den Kabinettsbeschluss, dann bin ich beruhigt. Dann gibt es auch genug SponsZSoren." In einem anderen Land wäre er skeptischer, was die Realisierung betrifft. "In München setze ich nun mal auf die deutsche und bayerische Kultur. Man muss doch stolz sein auf die Musik in der eigenen Stadt." Was er allerdings ablehne: mit der Saalfrage seine Position zu verknüpfen. "Das wäre billig. Ich bin ja keine Primadonna. Ich bin einfach enthusiastisch." Und das ist auch wieder auf dieser Tournee zu spüren. Mag Jansons in den Anspielproben wie abwesend das Geprobte abrufen: In den Konzerten lässt er sich zu Hyperemotionen hinreißen, was die Italiener mit Bravi-Salven quittieren.

Von den Städten bekommt Jansons indes wenig mit: "Wir sind im schönsten Land der Welt, aber ich reise, esse, lege mich dann schlafen, um abends wieder zu dirigieren. Ich muss Energie gewinnen."

Schließlich hat ihn sein Beruf schon einmal in den Herzinfarkt getrieben. "Ich wünsche mir oft, eines Morgens aufzuwachen und einfach nichts vorzuhaben. Und für wenige Sekunden passiert das auch schon mal - sofort fühle ich mich schuldig. Es hilft nichts - ob für Beethoven, Bartók oder Strauss: Ich muss einfach brennen."

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