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„Der Taschenfabrikant“, eine von Erwin Wurms „Einminutenskulpturen“.

Ausstellung

In der Knautschzone des Irrwitzes

München - Anarchisch und bizarr: Das Münchner Lenbachhaus zeigt im Kunstbau Werke von Erwin Wurm.

Sie sind verzerrt und geknautscht, verbogen, gebläht und gestaucht: Mit seinen Kugel- und Ziehharmonika-Figuren, mit wattig aufgequollenen oder sanft abgeschrägten Autos erschafft Erwin Wurm ein surreales Parallel-Universum. Genau in diese Knautschzone des Irrwitzes führt die große Erwin-Wurm-Ausstellung im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses – und wartet mit einer Überraschung auf.

Bisher kannte man die Werke des 1954 geborenen Österreichers als bizarre Ikonen des Alltäglichen, das aus der Form gegangen ist. So als habe der Künstler bloß das anarchische Potenzial der Dinge freigelegt, die sich unversehens selbstständig machen und auf beängstigende Weise zeigen, was in ihnen steckt.

Diese spukhaft-abgründige Dimension der zum Kugeln komischen Zerrbilder ist im Kunstbau nur noch entfernt spürbar, denn die Inszenierung der Schau betont einen bisher kaum wahrgenommenen gesellschaftskritischen Aspekt der Wurm-Werke: Diesmal sind die Exponate auf ein keimfreies weißes Podium gestellt, das fast den ganzen Boden bedeckt.

Betreten erlaubt, heißt es hier, und so kommt sich der Besucher vor wie in einer schicken, gleißend hell ausgeleuchteten Modeboutique, wo er von knuffigen Kobolden des Konsumzeitalters umgeben ist. Wie Schaufensterpuppen stehen da ausgestopfte Hemden, Hosen und Jacken in so natürlichen Posen herum, als wären sie Ausstellungsbesucher der etwas anderen Art. Und weil viele von ihnen ziemlich winzig ausgefallen sind, erscheinen sie fast als flauschige Kunst-Gartenzwerge.

Anderen Figuren wiederum spannen sich kastenförmige Mäntel über rechteckige Oberkörper ohne Kopf, so als präsentierten sie eine Konfektion für genormte Automaten. Angesichts dieser deformierten Persönlichkeitshülsen erscheinen auch Wurms „Einminutenskulpturen“ plötzlich in einem politischen Licht, bei denen freiwillige Mitspieler eine Minute lang in skurrilen, fremdbestimmten Posen verharren. Eine Nonne etwa steht mit zwei in eine Semmel gesteckten Fingern auf dem Kloster-Gang; und eine Frau sitzt mit Stiften, die sie zwischen ihre Zehen geklemmt hat, auf einem luxuriösen Sofa.

Die großformatigen Farbfotos, die solche Aktionen dokumentieren, sind in der Ausstellung einfach flach auf das weiße Podium gelegt – als Ware unter Waren. Aber natürlich ist der Besucher auch hier aufgefordert, mitzumachen: Auf ein rundes rosa Podest nebenan hat Erwin Wurm Handlungsanweisungen für neue Einminutenskulpturen gezeichnet, die beispielsweise darin bestehen, dass man einfach die Zunge rausstreckt.

Die faszinierendste Arbeit der Ausstellung stammt allerdings vom Video-Künstler Wurm: Da kann man gemütlich vor einem Fernseher Platz nehmen – aus dem heraus eine schöne Frau dem Betrachter im österreichischen Dialekt die Meinung geigt: „Du bist nichts, weniger als nichts“, raunzt sie da. Klar, dass man sich nach dieser erfrischenden Publikumsbeschimpfung so gestaucht und geknautscht fühlt, als wäre man eine von Erwin Wurms Skulpturen...

Ausstellungszeiten:

17. Okt. bis 31. Jan., Di.-So. und Feiertage 10-18 Uhr; 24. und 31. Dezember geschlossen; 25. Dezember und 1. Januar ab 12 Uhr.

dpa

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