Knautschzonen in Nidwalden

- Sie waren kleiner oder größer, eher praktisch oder eher komfortabel, auf jeden Fall ermöglichten sie ihren Besitzern Mobilität. Doch nun sind sie - mehr oder weniger - schrottreif. Autos, jäh ihrer Funktion beraubt, bewegungsunfähig. Arnold Odermatt, Polizist im Schweizer Kanton Nidwalden, fotografierte seit den späten Vierziger- bis in die Achtzigerjahre hinein Unfallstellen in seiner Heimat. Das Material lag, nach der Auswertung durch die Behörden, jahrelang unbeachtet auf dem Speicher, bis es sein Sohn, der Regisseur Urs Odermatt, durch Zufall entdeckte und nun in einem voluminösen Bildband mit dem Titel "Karambolage" veröffentlichte.

<P>Ein ganzes Buch voller kaputter Kraftfahrzeuge - das klingt makaber und verheißt darüber hinaus eine gewisse Monotonie. Doch das ist nicht der Fall, und das hängt - nicht nur für die Liebhaber historischer Automobile - mit den Fabrikaten und Modellen zusammen, die man zu sehen bekommt, mit den Orten, an denen der jeweilige Crash stattfand. Man sieht zerknittertes Blech, zersplittertes Glas, "Knautschzonen", die ihrem Namen alle Ehre machen. Manche Autos hat es völlig zerrissen, andere sind nur leicht beschädigt. Die einen hielt es, von Leitplanken oder Geländern gebremst, auf der Straße, andere landeten abseits - auf Wiesen, zwischen Bäumen, nicht selten im Wasser. Einige liegen auf der Seite, andere gar auf dem Dach - und erinnern ein wenig an tote Insekten.</P><P>Fast quälend im Bestreben, den genauen Unfallhergang zu ermitteln, saugt sich der Blick des Fotografen an den zerstörten, Sicherheit nur suggeriert habenden Karosserien fest. Die Gewalt, mit der Bewegung gestoppt wurde, schmerzt - nicht nur, weil die Fahrzeuge, wären sie intakt geblieben, heute als Oldtimer heißt begehrt wären. Mit jedem dieser Ereignisse ist das Schicksal der Beteiligten verbunden, auch wenn man keine Opfer sieht. Manches Bild spricht Bände, etwa das eines VW-Busses, dessen Frontscheibe auf der Beifahrerseite von einem Baumstamm durchbohrt wurde wie ein Auge. Der Zustand vieler Wracks lässt keinen anderen Schluss zu als den, dass es hier Tote gegeben hat.</P><P>Arnold Odermatts Bilder - Momentaufnahmen von alltäglichen Katastrophen, die dem Betrachter bewusst machen, wie viel zerstörerische Energie menschliches Versagen erzeugen kann. Und dass die Verkehrsmoral offenbar auch "damals" und auch in der beschaulichen Schweiz alles andere als hoch war.</P><P>Arnold Odermatt: "Karambolage". Steidl Verlag, Göttingen. 408 Seiten, 65 Euro.<BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
Rupert Grint über die Gangsterserie „Snatch“ und sein Entkommen aus der Gefangenschaft des „Harry Potter“-Universums.
„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Eine bessere Sängerbesetzung für diesen neuen „Tannhäuser“ an der Bayerischen Staatsoper lässt sich nicht finden - wohl aber ein besserer Regisseur. Die rituellen Bilder …
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
Franz Ferdinand, Feist und Judith Holofernes sind nur drei Acts, die beim diesjährigen „Summer‘s Tale“ auftreten. Unter Musik-Kennern längst bekannt, ist das Festival …
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie
Das BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons reiste von München nach Hamburg und gab sein Debüt in der Elbphilharmonie. Wir haben dieses besondere Gastspiel begleitet. 
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie

Kommentare