Blick in das leere Parkett des Münchner Gärtnerplatztheaters.
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So leer wie das Parkett des Münchner Gärtnerplatztheaters sind derzeit die Terminkalender der meisten der Sängerinnen und Sänger.

Zu niedrige oder keine Gagen wegen Theaterschließung

Knebelverträge in Corona-Zeiten: Sänger und Jurist Wolfgang Schwaninger kritisiert Praxis der Theater

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Als Tristan ist er an Opernhäusern aktiv, auch als Florestan oder Peter Grimes. Doch Wolfgang Schwaninger ist überdies ausgebildeter Jurist und derzeit als Anwalt stark gefragt. Er vertritt Kolleginnen und Kollegen, die sich immer häufiger Knebelverträgen ausgesetzt sehen oder um ihre Ausfallgagen kämpfen.

  • Rund 50 Prozent der Sängerinnen und Sänger bekamen seit dem ersten Lockdown keinerlei Ausfallzahlungen.
  • Laut Wolfgang Schwaninger verschanzen sich die Theater hinter Klauseln, die rechtlich fragwürdig sind.
  • Manche Bühnen streben individuelle Vereinbarungen mit hohen Geldzahlungen an, weil sie eine Niederlage vor Gericht befürchten.
Wolfgang Schwaninger ist Tenor und Jurist.

Zweiter Lockdown: Geht die Misere für die Freischaffenden jetzt wieder los – oder hat sie nie aufgehört?

Letzteres. Das Stadttheatersystem hat auch in der Krise funktioniert mit seiner Kurzarbeiterregelung für Festangestellte. Wer seit März durch die Maschen fällt, sind die Freischaffenden. Bisher wurden schon viele Risiken auf diese Künstlerinnen und Künstler übertragen, zum Beispiel keine Gage bei Stromausfall, bei Krankheit im Ensemble, bei Niederlegung der Regie und vieles mehr. Das hat sich in der Krise verschärft. Das „Netzwerk krea(k)tiv“ hat 300 Betroffene befragt. Etwa die Hälfte hat seit dem ersten Lockdown etwas bekommen, die andere erhielt keinerlei Ausfallzahlungen.

Wer ist schuld?

Nicht unbedingt die Theater, sondern diejenigen, die über deren Haushalt bestimmen, die Rechtsträger und Kämmerer also. Sie nutzen die Situation aus, indem sie das höhere Betriebsrisiko auf die Künstler abwälzen. Zum Beispiel gibt es neuerdings Vertragsbestimmungen, in denen sich die Bühnen vorbehalten, aus wirtschaftlichen Gründen eine Aufführung abzusagen – obwohl man spielen dürfte. Man sichert sich die Leistung der Künstler, gibt ihnen aber keinerlei Sicherheit. Auch die Bayerische Staatsoper hat vor dem zweiten Lockdown die Wiederaufnahme von Poulencs „Die Gespräche der Karmeliterinnen“ ohne irgendeinen Grund abgesagt und durch ein anderes Repertoirestück ersetzt. Es gibt renommierteste Häuser, die ihren Gästen nichts zahlen. Die Bayerischen Staatstheater zahlen unterm Strich bei höheren Gagen rund 30 Prozent Ausfall, die Dresdner Semperoper nichts. Ich habe es mit Leuten zu tun, die seit März 170.000 Euro verloren haben und sich nicht wehren.

Warum? Aus Angst?

Es gibt das unausgesprochene, manchmal ausgesprochene Gesetz: Wer sich wehrt, wird nicht mehr berücksichtigt. Ganz wenige trauen sich. Aus angeblichen Spargründen setzen die Häuser den Hebel bei denen an, die am wenigsten geschützt sind.

Wie gehen die Häuser vor?

In den ersten Schreiben heißt es oft: Höhere Gewalt – da können wir nichts machen. Dabei mussten die Vorstellungen an vom Land betriebenen Theatern doch aufgrund einer Verordnung des Landes abgesetzt werden und nicht wegen höherer Gewalt! Man verschanzt sich hinter Klauseln, die nach ständiger Rechtsprechung des Bühnenschiedsgerichts auch vor der Pandemie fragwürdig waren. Ein Rechenbeispiel: Es gibt Häuser, die für ihre Festangestellten Kurzarbeit angemeldet haben. Sie bekamen also eine Kompensation aus staatlichen Töpfen. Außerdem wurde ja die laufende Spielzeit inklusive Gast-Gagen budgetiert. Der Wegfall durch Ticketeinnahmen beträgt in der Regel zehn bis 15 Prozent. Natürlich gibt es Mehrkosten durch Corona, aber in der Endabrechnung hat ein solches, öffentlich finanziertes Theater in den vergangenen Monaten einen Überschuss erwirtschaftet. Man hält sich an den Gästen schadlos.

Werden mittlerweile auch die Gagen gedrückt?

Ja. Oft gibt es aus angeblichen Corona-Gründen nur 70 Prozent. Wenn das die Sängerbranche hinnimmt, ist das ein fatales Signal an die Rechtsträger der Theater. Die denken sich: Wenn die Künstler so viel verschenken, dann haben wir denen zu viel bezahlt. Wobei wir immer im Auge behalten müssen, dass es sich nicht nur um die Promis dreht, sondern um unzählige Sängerinnen und Sänger mit kleinen und mittleren Einkommen. Die mit der 1000-Euro-Gage in der Provinz stehen am Abgrund.

Was raten Sie also?

Die Verfallsfrist beträgt meist sechs Monate. Wenn in dieser Zeit kein Einspruch gegen Corona-Änderungen erhoben werden, ist das Geld weg. Das Allerwichtigste ist, sich jetzt diese Ansprüche zu sichern. Ein einfaches Schreiben genügt. Das Fatale ist: Viele Theater haben Auflösungsverträge angeboten, also einen gewissen Prozentsatz Ausfallgage. Und mit einer Unterschrift hat man den Anspruch aus dem Altvertrag verwirkt. Natürlich wollten viele über die Runden kommen und nahmen das Geld. Aber keiner konnte doch zu Beginn der Pandemie ahnen, dass man noch so lange kämpfen muss. Bernd Loebe, der Frankfurter Opernintendant, hat schon verlautbart, er freue sich über den allgemeinen Gagen-Rückgang. Sein Kollege beim Frankfurter Schauspiel darf 50 Prozent Ausfall zahlen, Loebe tut nichts dergleichen oder handelt nach Gutsherrenart. Empörend! Erst recht, wenn eine solche Institution gerade auch noch zum „Opernhaus des Jahres“ gewählt wurde. Das blendet aus, wie mit Gästen umgegangen wird – die auch für den Ruhm des Hauses gesorgt haben.

Werden die Häuser langsam vom Saulus zum Paulus?

Es ist eher umgekehrt. Anfangs reagierte man oft großzügig, jetzt wurden viele von den Rechtsträgern zurückgepfiffen.

Fehlt es an der Künstler-Solidarität untereinander?

Das liegt sicher auch in der Natur der Freischaffenden, weil sie immer individuell unterwegs sind. Die Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger hat rund 4500 Mitglieder, das ist weit entfernt vom Organisationsgrad der Orchestergewerkschaft DOV mit 90 Prozent aus diesem Berufszweig. Wenn Sie das vergleichen mit der übergroßen Zahl der Freischaffenden: Wie soll diese Gewerkschaft eine Schlagkraft entwickeln können? Derzeit ist die Situation so, dass die Theater alles versuchen, um individuelle Regelungen mit den Sängern zu treffen. Dabei vergleicht man sich teilweise um hohe Summen – weil man Präzedenzfälle vor Gericht auf Teufel komm’ raus vermeiden will. Den Rechtsträgern ist also sehr bewusst, auf welch dünnem Eis sie sich bewegen.

Das bedeutet?

Wehrt euch! Je mehr es tun, desto bessere Aussichten gibt es für die Sänger. Die Theater können ihre schwarzen Listen mit „ungehorsamen“ Sängern schließlich nicht ins Unendliche fortsetzen – sonst stehen ihnen bald gar keine mehr zur Verfügung. Außerdem müssen sie doch ihren Solisten wieder in die Augen schauen können, wenn alles vorbei ist.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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