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„Ich will Moses kritisch beleuchten“, sagte Regisseur Simon Solberg vor der Premiere im Gespräch mit unserer Zeitung. In seiner Inszenierung zeigt er Moses (Johannes Schäfer) nicht nur als Befreier der Hebräer, sondern – nach dem Exodus – auch als Kriegstreiber.

"Moses": Aus der Knechtschaft gerappt

München - Der Mut hat sich ausgezahlt: Simon Solberg inszenierte am Münchner Volkstheater „Moses“ als vogelwildes Musical. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

Ob sie am Münchner Volkstheater mal gezweifelt haben? Sich vielleicht besorgt gefragt haben, ob ihnen die ganze Kiste nicht doch um die Ohren fliegen würde? Zur Spielzeiteröffnung die Geschichte von Moses als Musical: die biblische Erzählung gemischt mit fetten Beats, wummernden Bässen, verspielten Keyboards und kreischenden Gitarren. Mit Stücken von AC/DC, Deichkind, Eminem, Lady Gaga, Rammstein und Prodigy. Was für ein Wahnsinn! Und was für ein vogelwilder, unterhaltsamer, ernsthafter und hochaktueller Theaterabend.

Simon Solberg hat ihn inszeniert und dabei die Geschichte aus dem Alten Testament sehr gewissenhaft nach ihrer Relevanz befragt. Die Hebräer, das sind bei ihm gesellschaftliche Außenseiter, die auf einer bühnenhohen Müllhalde nach Essbarem kramen, fluchend auf die Ägypter, die alles tun, ihren Wohlstand zu verteidigen. Als einer der Hebräer dann im Abfall die Bibel findet, beginnen diese abgerissenen Typen, die Geschichte von Moses zu spielen: der Pentateuch (mit Ausnahme des ersten Buchs) als Skript.

Bereits bei seiner „Jungfrau von Orleans“ nach Schiller, die er 2010 am Volkstheater eingerichtet hatte, zeigte Simon Solberg sich als Regisseur, der zutiefst interessiert ist an sozialen und gesellschaftlichen Fragen. Da ist es nur logisch, dass der heute 33-Jährige irgendwann bei der Bibel landete. Solberg liest das Alte Testament stets mit dem Wissen um das Evangelium: Der Gott, der Moses erscheint, ist bei ihm eben nicht nur der strenge, jähzornige, eifersüchtige und strafende Jahwe. Solberg ergänzt dieses Bild immer wieder um Aspekte der Barmherzigkeit und Mitmenschlichkeit, die wir aus dem Neuen Testament kennen. Da erscheint Gott Mose etwa in Gestalt eines abgerissenen Penners im Drogenwahn (der freilich die korrekte Übersetzung von Jahwe brabbelt: „Ich werde sein, der ich sein werde.“) – und ohne dass dies erwähnt wird, geht es in dieser Szene natürlich auch um Matthäus 25,40: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ Derartige Assoziationsräume zu eröffnen, ist eine der Stärken dieser Inszenierung.

Eine andere ist, dass Solberg seine Verweise dosiert einsetzt: Natürlich ist es naheliegend, bei den Plagen, die über die Ägypter kommen, in Videoschnipseln an Massentierhaltung und Umweltkatastrophen zu erinnern. Viel eleganter entwickelt der Regisseur seine Kritik an unserer Gesellschaft jedoch, wenn er etwa zeigt, wie die Hebräer zu einem Haufen blind nach Mehrwert gierender Kapitalisten werden, kaum dass Gott sie mit genügend Manna gesegnet hat.

Da sich Solberg dafür entschieden hat, seine Geschichte als Musical zu erzählen, läuft die Inszenierung auch nie Gefahr moralinsauer oder verkopft zu sein. Unglaublich geschickt hat der Regisseur aus der Musikgeschichte einen Soundtrack kompiliert, der dramaturgisch einwandfrei funktioniert – auch wenn manches sich noch eingrooven muss. Die Texte der Lieder hat Solberg teils umgeschrieben. Da jammert Moses in Ägypten etwa: „Die City is sick. Ich denke, es wird Zeit die Koffer zu packen.“ Natürlich ist nicht jede Zeile, die im Lauf des Abends zu hören ist, für die Ewigkeit bestimmt – aber in diesen etwas mehr als neunzig Minuten funktionieren die neu betexteten Songs.

Die fünf Darsteller interpretieren sie mit Lust: Solberg hat ein wunderbar homogenes Ensemble gefunden, mit dem er teilweise auch 2011 bei seiner Volkstheater-Inszenierung „Einer flog über das Kuckucksnest“ gearbeitet hat. Bereits damals hat Johannes Schäfer sein HipHop-Talent bewiesen – nun darf er als Moses sein Volk aus der Knechtschaft rappen. Respekt! Max Wagner spielt Gott brüllend komisch, ohne die Figur zur Karikatur zu machen. Jean-Luc Bubert ist ebenso sehenswerter Tausendsassa in diversen Rollen wie Paul Grill und Joanna Kapsch. Die beiden letzteren hat der Regisseur vom Theater Basel mitgebracht: Dort gehört er seit dieser Spielzeit zum Leitungsteam, „Moses“ ist hoffentlich nicht die letzte Koproduktion beider Häuser.

Am Ende wird dann jene Frage gestellt, auf die Solberg den ganzen Abend ausgerichtet hat: „Ist es nicht an der Zeit, dass das Volk selbst sein Schicksal in die Hand nimmt?“, dass die Menschen „selbst Verantwortung für ihr Handeln übernehmen?“

Es ist nicht die schlechteste Frage. Und sie zielt direkt ins Heute.

Jubel.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen

am 8., 9. und 29. Oktober;

Telefon 089/ 523 46 55.

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