Da knistert's ganz schön

München - "Tanguera", die tragische Liebesgeschichte der jungen Giselle, hatte gestern Abend im Münchner Deutschen Theater Premiere.

"Der Tango ist in Buenos Aires ausschließlich ein Tanz schlecht beleumundeter Häuser und Tavernen der übelsten Art. Niemals tanzt man ihn in anständigen Salons oder unter feinen Leuten." So verächtlich äußerte sich 1914 der damalige argentinische Botschafter in Paris. Die Oberschicht Argentiniens rümpfte die Nase, während im Kultur-Mekka Paris und schnell in ganz Europa der Tango um 1910 als eleganter Gesellschaftstanz seinen Siegeszug antrat.

Viele Veränderungen hat dieser Tanz seit seinen Anfängen um 1835 im afro-kubanischen Urtango erfahren. Die 1910er-Jahre gelten als Zeitpunkt für das Aufkommen des Tango-Liedes. Mit den Einflüssen von Jazz, Rock und Pop entstand der Tango nuevo. Und mit Elementen aus Ballett und Artistik entwickelte sich ein technisch hochvirtuoser Paartanz. Jetzt zum ersten Mal erzählt das argentinische Kreativ-Team um den Produzenten Diego Romay mit der Sprache des Tangos eine durchgehende Geschichte: "Tanguera".

Mit einer der ersten Einwanderungswellen in Buenos Aires zu Beginn des 20. Jahrhunderts landet Giselle im Kleinkriminellen-Milieu, wo der Tango für alle hier Gestrandeten so etwas wie Liebes-Ersatz und Überlebensdroge ist. Ihre Ankunft im Hafen, die aus Existenznot akzeptierte Prostitution, der junge Hafenarbeiter Lorenzo, der sie fast schon aus den Fängen des Zuhälters befreit hat und dann von ihm erstochen wird. Das alles geht in rasend schnellem Tangotanz und dabei glasklar verständlich über die Bühne.

Keine Sekunde wird die hier ja prall vorhandene Virtuosität des Beinehakelns, der blitzschnellen Drehungen, der rückwärts zu Boden gebeugten schönen Damen (in supersexy Knappkostümen) eitel zur Schau gestellt. All dieses flitzige Tangotanzen dient der Handlung, treibt sie voran: von den Machismo-Männertänzen und Nachtclub-Erotikflirts bis zum blendend choreographierten Beziehungsdreieck. Und Rocío de los Santos (Giselle), Luciano Capparelli (Lorenzo) und Dabel Zanabria (Zuhälter) lassen es ganz schön knistern zwischen Liebe, Machtanspruch, Eifersucht und Rache. Mag man die schmelzige Breitwand-Zuspielung verteufeln - all diese zu einem Soundtrack durcharrangierten Tangos laden Tanz und Story nochmals mit Spannung auf. "Tanguera" ist nicht das Superspektakel, als das es in den Medien verkauft wird, sondern die wunderbar tänzerisch-darstellerische Leistung eines homogenen Ensembles, das den Zuschauer dichte 90 Minuten mitnimmt.

Bis 31. Dezember,

Karten 089/54 23 44 44.

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