Knochentrockenes im Kunst-Labor

- Schade. Es ist daneben gegangen: Joachim Schlömers "The day I go to the body". "Der Tag, an dem ich mich zum Körper begebe" - hölzern verquer schon der Titel. Man hatte eigentlich darauf gesetzt, dass Schlömer mit dieser Uraufführung für die Salzburger Festspiele Besonderes gelingen würde. Denn von dem Ex-Baseler Tanzchef, mit beachtlichen Erfolgen als Opernregisseur, ist man eher besondere Qualität gewohnt - Arbeiten auch, die versuchen, sich ästhetisch und dramaturgisch immer wieder ganz anders zu formulieren.

<P>Genau dies der empfindliche, der wunde Punkt. Schlömer, der bisher meist von einem Komponisten, einer speziellen Partitur oder einer literarischen Vorlage ausging (unter anderem Strawinsky, "Hamlet", "Bernarda Albas Haus"), hat sich diesmal - für ihn riskant neue Strategie - ein Konzept zurechtgelegt zum Thema "Körper". Ein Thema zudem, das seit mindestens schon zehn Jahren von Meg Stuart und Sasha Waltz bis zu Xavier LeRoy, Jer|3ome Bel, Thomas Lehmen, Boris Charmatz, Raimund Hoghe und, und ausgeschlachtet wird.</P><P><BR>"Der Körper": als "kulturelle Identität", als "gesellschaftliche Mimikry", als "politisches Instrument", als letzte gültige Instanz im Theater für Realität und (nackte) Wahrheit. Nackt machen sich zur Zeit ja fast alle auf den Tanzbühnen. Schlömer gottlob nicht. Aber er dringt mit seinem "Körper"-Konzept auch nicht zu Wesentlichem vor. Er plempert herum an der Oberfläche physischer und physikalischer "Body"-Gegebenheiten in einem antiseptischen weißen Kunst-Labor.</P><P><BR>Auch Ausstatter Jens Kilian rang mit Konzept - und der riesigen Halle auf der Perner Insel in Hallein. Eine rückwärtige Holz-Jalousie als Raum-Füller: notgedrungen, ohne plausiblen Grund, von den Tänzern beklettert. Hauptsächlich aktiv sind sie auf und um ein kreisrundes weißes Podest unter zwei überdimensionierten beweglichen Operationslampen. Schlömer will sich auf die Hospital-TV-Serie "The Kingdom" des Kult-Cineasten Lars von Trier bezogen haben, was dem Stück jedoch lediglich ein paar kaum zu dechiffrierende Momente einbringt - ohne den surrealen Witz des Dogma-Filmers von Trier.</P><P><BR>Dogmatisch abgehandelt allerdings in changierendem "OP-Licht" (David Finn) Körper-Überlegungen: Teilchentheorie, Kräfte- und Mächte-Verhältnisse, Autopsie-Befunde und sogar ein schlapper Herrenschneider-Witz ("Sind Sie Links- oder Rechtsträger?") werden knochentrocken rezitiert im Wechsel mit, hélas, lediglich illustrierenden Körper-Aktionen. </P><P>Unter Nummern-Titeln (26 insgesamt!) wie "Schmerz-Spiralen", "Aggressions-Tanz" oder "Fallen auf Befehl" verbiegen und renken sich Akteure die Glieder aus bis zu schmerzverzerrten Gesichtszügen, kippen brettartig rückwärts vom Podest in rettende Arme. Mit kräftigen roten Vierkant-Stäben vermessen mehrere Tänzer einen Kollegen an Rücken, Armen, Beinen. Wenn er aus der Pose heraustritt, bilden die noch Sekunden weiter gehaltenen Stäbe geometrische Muster im Raum. Das erinnert ein bisschen an Oskar Schlemmers Stabtänze und Gerhard Bohners fortschreibende streng-schöne Körper-Geometrien - aber ohne weitere künstlerische Relevanz. Auch die reinen Tanzsequenzen bleiben merkwürdig blass.</P><P><BR>Rare Ausnahme: ein Männersolo in der Mitte des Podests. Bewegungen wie auf einem stotternden Filmstreifen, ganz scharf die hochkunstvolle Gliederung der menschlichen Anatomie kenntlich machend. Eine Kleistsche Marionette, die sich gegen Ende gleichsam in kreisender Derwisch-Ekstase aus ihrer fesselnden Mechanik zum Leben befreit. Das ist wenigstens <BR>ein Tanz-Bild zum Körper-Thema, das andeutet, wie Schlömer hätte arbeiten müssen. Und es ja auch gekonnt hätte. </P><P>Und hier auch genau richtig der ganz eigenständige Klangraum aus tröpfelndem Klavier und leise raunend gesprochenem Text, ein Klangraum wie man ihn aus Cage-Cunningham-Stücken kennt. Sonst mehr oder weniger enttäuschend die Arrangements, die Zer-Arbeitungen anderer Komponisten, der ganze postmoderne geräuschig-popige-allerlei-Duktus (Max Küng/Robert Herrmann).</P><P><BR>"Kreativ auf (Auftrags-)Befehl" - schon hat Schlömer sich verkrampft. Außerdem hat er keine eigene Compagnie mehr (nur zwei Tänzer seines ehemaligen Baseler Ensembles gesichtet), was beeinträchtigt. Dennoch: Der 40-jährige Choreograph gehört zu den talentiertesten hierzulande. Und auch er weiß: Aus nichts lernt man mehr als aus solch akademisch dröge geratener Arbeit.<BR><BR></P>

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