Von der Knorr-Suppe zum Jazz

- Dieses Buch ist eine grandiose Irreführung. Auf den ersten Blick erscheint es als Sachbuch, also dem Titel entsprechend: viele dicht bedruckte Seiten, dazu Fußnoten, am Schluss ein Personenregister. Aber gleich nach Beginn der Lektüre stellt sich beides als eine Mystifikation heraus, was den Titel und was die Gattungsbezeichnung betrifft, die ja ohnedies nicht zusammenpassen.

Die Form: eine schier unendliche Reihe von Kurzkapiteln unterschiedlichen Inhalts, oft miteinander verknüpft durch das bloße Aufgreifen eines beliebigen Stichworts. Merkwürdige Querverweise und unvermutete Beziehungen kommen zur Sprache, manchmal so abstrus, dass man am Wahrheitsgehalt zweifeln möchte. Und vielleicht auch soll. Zuweilen scheint man dem Verfasser seine Freude an der Verunsicherung des Lesers anzumerken. Oft bekommt man den Eindruck, es fehle etwas: eine Exposition, eine Schlusspointe, ja der Name der handelnden Person. Ein unerschöpfliches Erfinden skurriler Namen, Lebensläufe oder Ereignisse im Wechsel mit realen Personen und Vorkommnissen. Da ergibt sich dann nicht selten eine Art von Humor oder Ironie, auch wenn Autor Erwin Einzinger Intimes oder Unappetitliches einstreut.

Freude an der Verunsicherung des Lesers

Beispiele für Erzählketten in jeweils einem Kapitel: von Knorr-Suppen über Elfriede in Neulengbach zum Westcoast-Jazz. Oder: die fromme Wirtin aus Brixen und ihr (auch in Münchens Popgeschichte  nicht  unbekannter) Großneffe Giorgio Moroder, Buffalo Bill, Lexington (Kentucky) und die Lexington Avenue in Manhatten, wo Marylin Monroes Kleid hochflatterte, bis zu Friedrich II. und seine Flötenleidenschaft.

Kein Zweifel: Der "Roman"-Autor verfügt über profunde Kenntnisse. Das flimmert nur so zwischen Soziologie, Kunstgeschichte, Politik und Zeitgeschehen, Naturwissenschaften, Ethnologie und Kolonialgeschichte; und man glaubt ihm, ob nun alles einer Nachprüfung standhielte oder nicht. Ein Blick ins Register zeigt Einzingers Handlungsbreite: Warhol, Kafka, Nabokov, Ivan (Van) Morrison, Bob Dylan, Neil Young, Jimi Hendrix und Nikolaus Harnoncourt, Josef Lanner und Frank Zappa und immer wieder Elvis. Und der Jazz in allen Phasen: Lester Young und John Coltrane und Miles Davis oder E-Bass-Virtuose Jaco Pastorius und seine Ur-Herkunft aus Unterfranken.

Bevorzugte Schauplätze: die USA und Österreich inklusive Thomas Bernhard und Adolf Hitler. Und - vielleicht - Autobiografisches. Einzinger wurde dort geboren (1953 in Kirchdorf an der Krems). Einmal findet sich in dem Buch ein Hinweis auf "Vorläufige Notizen zu einer kleinen Geschichte der Unterhaltungs-Musik", geschrieben von einem "Blumenliebhaber aus dem Fränkischen". Ob in Nebensätzen oder Fußnoten: SolcheNotizen findet man bei Einzinger in reicher Fülle.

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