Knospen gegen die Dämonen

- Wann stirbt ein Naturvolk aus? Und was macht Kultur überhaupt zur Kultur? "Wandlungsfähigkeit" ist die Eigenschaft, die man völkerkundlichen Erkenntnissen zufolge unbedingt zur Definition von Kultur zählt und als Voraussetzung fürs Überleben ansieht. Die "Ainu" (Mensch) sind zwar eine ethnische Minderheit im Norden Japans, aber eben eine "Kultur", ein stolzes Volk, das geblieben ist. Heute zählen sich rund 24 000 Menschen zu den Ainu, die auf Hokkaido leben, und darüber hinaus mehr als 2700 aus dem Großraum Tokio - auch wenn man um 1880 dachte, dass der Untergang dieses Volkes unabwendbar sei.

<P>Wie das europäische Bild der Ainu aussah und wie sich demgegenüber die Realität darstellt, das dokumentiert anlässlich der 30-jährigen Städtepartnerschaft Sapporo-München die Ausstellung "Die Ainu - Porträt einer Kultur im Norden Japans" im Museum für Völkerkunde (Maximilianstraße 42). Die Schau ist das bemerkenswerte Ergebnis der Kooperation zwischen der Stadt München, dem hiesigen Japanischen Generalkonsulat und der Deutsch-Japanischen Gesellschaft in Bayern. Was hier verschmilzt, ist die Präsentation authentischer Gepflogenheiten dieser Angehörigen der mongolischen Bevölkerung und der europäischen Vorstellungswelt: in Form von historischen Fotografien, die auch Klischees bedienten.</P><P>Am beeindruckendsten sind die traditionellen Gewänder dieses "Naturvolks", das man weder als Ursprung der Japaner bezeichnen kann noch umgekehrt. Kimono-ähnlich wirken die praktischen Mäntel. Aus Rindenbast sind sie gefertigt, mit prachtvollen Ornamenten an Säumen und Rückenpartie bestickt. Blau, beige, weinrot, schwarz, mit edel schimmernden Metallfäden durchwoben, besteht kein großer Unterschied zwischen einer Kleidung von 1880 oder 1990. Die kunstvollen Applikationen sind nicht nur Schmuckwerk. Augen, Wirbel, Knospen und Blüten sollen Dämonen davon abhalten, in den Körper der Ainu einzudringen.</P><P>Wir verfolgen, wie der Ainu als Fischer oder Bären- und Hirschtöter, auf die Jagd geht. Wir erfahren von Tänzen, Ritualen, den heiligen Opfertieren Bär und Eule, aber auch von berühmten Stammesältesten. Das meiste mittels farbiger Tuschmalerei auf Seide aus dem 18. und 19. Jahrhundert oder durch Bilderzählungen auf einem sechsteiligen Paravent. Besonders geglückt: die Präsentation historischer Fotokunst von Entdeckern und Weltenbummlern, die einen großen Teil der Ausstellung einnimmt.</P><P>Ein erschreckend ambivalentes Bild von den Ainu wird deutlich - zumindest jenes, das man sich zur Zeit der Völkerschauen machte: der falsche, effektheischende Eindruck von Wilden, von behaarten Fabelwesen, die in Wäldern hausen. In Kontrast dazu steht das korrigierte Verständnis von langer, dichter Haarpracht der Männer und der Tätowierung im Gesicht der Frauen: das traditionelle Signum eines einzigartigen, stolzen, selbstbewussten Volkes.<BR>Und noch eine Besonderheit bleibt nicht verborgen: die am häufigsten reproduzierte Darstellung des einschuhigen Ainu. Des Rätsels Lösung ist ein Mensch, der den Übergang zwischen zwei Welten, den Kontakt zu den jenseitigen Göttern im Diesseits per Kleidung zelebriert.</P><P>Bis 23. Februar, Tel.: 089/ 21 013 61 00, Katalog ab Mitte Dezember.<BR></P>

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