Ein König kehrt heim nach München

München - Nach dreidreiviertel Stunden ist er da. Jener Moment, schön und beziehungsreich, wo's im Bauch kribbelt und im Hals doch ein wenig eng wird. Die Dekoration schlummert unter weißen Tüchern, wie eingemottet für eine neue Zeit. Sonnig-wonnig neckt sich das junge Paar, das so gar nichts von Königswürde und Volksführung zu halten scheint, aber es bleibt nurmehr im Hintergrund.

Dramatik, sorgsam angerichtet: Mozarts "Idomeneo" in der Regie von Dieter Dorn und mit Kent Nagano am Pult

Am Ende ist es die Musik, die von Situation und Raum Besitz ergreift. Langsam fährt der Graben mit dem Bayerischen Staatsorchester nach oben. Es erklingt die finale Ballett-Chaconne, Mozarts herrlichster Orchestersatz. Und wie der Titelheld ist das ganze Stück endgültig heimgekehrt: ins rotgoldene Rund des, so viel Lokalpatriotismus darf schon mal sein, weltweit schönsten Theaters.

Vier Jahre erfolgreiche Sanierung inklusive großzügigem Mäzenatentum lassen sich natürlich nicht besser feiern als mit "Idomeneo", mit jenem Opus, das hier vor 227 Jahren das Licht der Operngeschichte erblickte. Glamouröse Wiedereröffnung, das ruft nun weniger nach aufregender Verstörungsarbeit, sondern nach erlesenem, kundig-kreativem Handwerk auf Chef-Ebene. Womit man irgendwie automatisch beim Dauer-Duo Dieter Dorn/ Jürgen Rose und Dirigent Kent Nagano gelandet wäre.

Spätestens seit "Così fan tutte" am selben Ort gilt Dorn ja als ultimativer Anwalt des Mozart-Menschen. Und auch sein "Idomeneo" funktioniert auf der Mikro-Ebene perfekt. Ein Theater der kleinen großen Zeichen. Das braucht für Erotik keine Orgien, sondern nur das Zuknöpfen von Ilias Kleid; das benötigt für einen Generationenkonflikt keinen Familienzoff, sondern lediglich den leisen Abgang des Kreterkönigs durchs Parkett. Gewohnt hochpräzise ist das alles bei Dorn, hintergründig und wahrhaftig, schlüssig und genau erzählend, Figuren dabei nie an den Effekt oder ein "Konzept" verratend.

Und manchmal auch mit kleinen Umwertungen verbunden: Elettra, die von der schönen, starken Annette Dasch mit substanzreichem, in der Höhe nicht ganz abgesichertem Sopran gesungen wird, darf endlich mal nicht nur schnaubende Opera-seria-Furie sein. Sie wird in ihrer Verletzlichkeit, in ihrer mädchenhaften und amüsanten Unsicherheit, wie sie auf den geliebten Idamante wartet, vielmehr zur geistigen Cousine Ilias.

Die wiederum erfährt dank Juliane Banse, deren Stimme zu Elettra-Format drängt, eine expressive, charakterliche Reifung - obgleich ihre leichte Indisposition ein optimales Ergebnis verhindert. Auch Arbace, sonst nur stichwortgebender Diener, wird mit Rainer Trost aufgewertet. Und dass Dieter Dorn im Falle des Idamante auf einen Tenor vertraut, damit einen Zwitter aus Münchner und Wiener Fassung schafft, ist dank Pavol Breslik leicht verzeihlich.

Denn dieser gedrungene und so glaubhafte Romeo-Typ könnte glatt jedes Schauspiel-Ensemble bereichern. Breslik gibt dem Idamante vokal eine jugendlich-geschmeidige Aura, ist nur anfangs zu handfest - und muss in den Ensembles in undankbare, für ihn resonanzarme Tiefen hinabtauchen. Da zeigt sich dann, welche Vorteile die eigentliche Mezzo-Fassung bietet.

Eine Frage stellt sich freilich ob all der klugen Details: Ist der "Idomeneo", dieses Grenzstück, das sich im Spannungsfeld von Tradition und Aufbruch bewegt, dabei unbekümmert in die Zukunft greift, ist dieses aufregende und nach Neuem drängende Musikdrama wirklich mit einer Reihung von Psychogrammen zur Genüge erfasst? Braucht diese kühne und kritische Masse nicht doch mehr Pranke als die sorgsam ondulierte Dramatik à la Dorn und Rose?

Dorn deutet in der bebilderten Ouvertüre ja an, um welchen Schlächter es sich beim Titelhelden handelt, der sich besser nicht denken lässt als von John Mark Ainsley verkörpert. Was für ein großartiger Charakterdarsteller. Spiel, Phrasierung, Farben und Verzierungen werden in der bezwingenden Darstellung eines zerrissenen, gleichsam entwurzelten Herrschers gebündelt. Ein umhertigernder Noch-König, der nach Kriegsgewinn sein familiäres Waterloo erlebt. Leider wird aber die (gesellschafts-)politische Dimension des Werks eher angedeutet als ausgeführt. Das zartbittere Happy End erscheint angesichts der Katastrophen unangemessen. Und manches kommt in seiner Konzentration auf Ästhetik zu perfekt daher, ist sich seiner Theatermittel zu (selbst-)gewiss. Zumal Rose, der eine gewohnt ausgesuchte, arabisch-asiatische Kostümvielfalt bietet, manchmal auch - Jacke aus, Jacke an, Knöpfe auf, Knöpfe zu - in der Modenschau steckenbleibt.

Dafür ist die Aufführung eine Liebeserklärung ans Haus. Immer wieder wird das Parkett miteinbezogen, der von hinten gesungene Sturmchor lässt manchen Gala-Gast zusammenzucken, für den majestätisch vorgetragenen Orakelspruch steht Steven Humes mit den Posaunisten im wirkungsvoll hallenden Foyer.

Auch Kent Nagano macht nicht alle Ebenen von Mozarts reichhaltigster Partitur hörbar, das Staatsorchester und der viel geforderte Chor hätten in dieser guten Form schon mehr gestattet. Gut, Kompaktes, Zupackendes vor allem in den sonst gern gestrichenen Balletten erhält die nötige Wucht. Die Tempi sind zügig, wirken logisch in ihrer Zusammenschau. Feinheiten sind leicht nachvollziehbar - wofür die Akustik des kleinen Hauses ja fast automatisch sorgt. Doch wo Mozart innehält oder wo Accompagnato-Rezitative Vielsagendes bereithalten, wo (wie im großen Quartett) fahle Farben erforderlich wären, läuft alles im diffusen Forte einfach durch. Man vermisst häufig, dass da jemand mit Solisten korrespondiert, sie quasi symbiotisch durch die Arien lotst. Mag sein, dass sich Nagano und Orchester an die direkte, ungefilterte Akustik gewöhnen müssen. Ein lösbares Problem.

Nicht nur der "Idomeneo" ist nun also dort, wo er hingehört: Unmittelbarer, packender als im Cuvilliés-Theater lässt sich Oper ja kaum erleben. Sollte sie hier also der Ausnahmefall bleiben? Eigentlich absurd.

Weitere Aufführungen:

18., 21., 24., 27. Juni sowie 1. und 6. Juli.

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