König, Könner, Kinkerlitzchen

- Natürlich hat sich in dem nun auströpfelnden Fußball-Weltmeisterschafts-Jahr auch das Münchner Ausstellungsprogramm ein bisserl am runden Nicht-mehr-Leder orientiert. Aber im echten Großen und Ganzen prunkte doch die bildende Kunst mit ihrer ureigensten Stärke. Neben ein paar Ausrutschern forderte und förderte sie zumeist Sinnenlust und Gedankenschärfe.

wie "Architektur wie sie im Buche steht": Ein faszinierender Spaziergang durch eine Welt, in der sich die Dreieinigkeit Literatur, bildende Kunst und Architektur wunderbar ausformt (Pinakothek der Moderne/ Architekturmuseum, bis 11. März 2007).

Amrita Sher-Gil war die Entdeckung des Hauses der Kunst. Die 1941 mit nur 29 Jahren verstorbene Malerin steht im Übrigen für eine ganze indische Künstlerfamilie (bis 7. Januar).

wie "Bayerns Krone": 1806 wurde das Land zum Königreich gemacht. Anlass für die Münchner Residenz, diese Geschichte und die eigenen üppigen Schätze zu feiern.

Die "Bühne des Lebens" war eine so ambitionierte wie langweilige und unlogische Schau von Nicolaus Schafhausen, der im kommenden Jahr den deutschen Pavillon auf der Venedig-Biennale kuratieren wird (Kunstbau des Lenbachhauses).

Grandiose Bereicherungen waren hingegen die Begegnungen mit dem 1975 gestorbenen, unheimlichen Eigenbrötler Hans Bellmer (PDM/ Graphische Sammlung) und mit Georg Baselitz‘ "Remix" (PDM/ Kunst).

Dass Malerei alles kann und selbst dann schön ist, wenn sie schwarzmalt, beweist im Haus der Kunst "Black Paintings" (bis 14.1.).

wie "Click Doubleclick": Mit einem Kombi-Blick auf traditionell produzierte sowie auf die mit Computer bearbeitete Fotokunst gelang es dem Haus der Kunst, ein tolles Aha-Erlebnis auszulösen.

wie Denkmalpflege: Bayern droht tatsächlich die Katastrophe. Wenn der Staat weiterhin die Unterstützung totspart, die Besitzer von Denkmälern bekommen sollen, wenn Alltagskultur, einzigartige Bauformen und Bodendenkmäler verkommen und verschwinden, dann verliert das Land seine Identität.

wie Evans, Cerith Wyn: Der Künstler, der durchaus valentinesk linksdenkt, erhielt den Preis der Kulturstiftung der Stadtsparkasse München. Im Kunstbau lässt er prächtige Lüster blinken, und Literatur morst geheimnisvoll auf Flachbildschirmen Wissensbruchstücke (bis 25.2.).

wie Fußball: Das Münchner Stadtmuseum widmete sich diesem weltweiten, Völker und Schichten verbindenden Phänomen ­ inklusive indischem Fußball-Altar.

Mit Dan Flavin holte sich die PDM nach Baselitz noch einen Hochkaräter ins Haus, der es mit raffinierten Effekten ausleuchtet. Ein strahlender Erfolg (bis 4.3.).

wie Grcic, Konstantin: Er ist einer der erfolgreichsten Münchner Industriedesigner. Im Haus der Kunst ließ er von Sitzbänken über Lampen bis zum Abfalleimer seine Ideen scheinbar kunterbunt aufmarschieren.

Die Sammlung Goetz beweist in ihrer großangelegten Reihe "Imagination Becomes Reality", wie lächerlich die aktuelle Gemälde-Mode ist. Denn die Qualität des Bildes zählt, egal mit welchen Mitteln es hergestellt ist (bis 20.1.).

wie Herculaneum: Das war d e r Reißer in der Archäologischen Staatssammlung. Wie Pompeji vom Vesuv in den Untergang gerissen, bewahrte die Hafenstadt enorme Schätze ­ in der Schau hervorragend und spannend aufbereitet.

Über ihr Schaffen informierten interessant, aber etwas spröde die Arena-Architekten Herzog & de Meuron im Haus der Kunst.

Mit H2 leistete sich Augsburg endlich ein Zentrum für Gegenwartskunst, kräftig unterstützt auch von der Münchner PDM.

wie Ilse Aichinger: Dichterin und Fotograf treffen aufeinander, zugleich zwei Freunde, die Jahrzehnte teilten. Stefan Moses‘ Fotogeschichten über die Autorin zeigte die Akademie der Schönen Künste (bis 7.1.).

"Il Cosmo Driade" erzählt in der PDM/ Design von italienischer (Lebens-)Gestaltung ­ und zugleich eine Familiengeschichte (bis 28.1.).

wie "Japanische Plakatkunst": Höchste Qualität seit den 1960er-Jahren bot die PDM/ Design mit einem so lebendigen wie vielseitigen Poster-Panorama.

Die letzten Ausstellungen im alten Jüdischen Museum (Reichenbachstraße): tief berührend zum Beispiel die Poesiealben von Kindern, die in Tod oder Exil getrieben wurden.

wie Kelten-Römer-Museum in Manching, das von der Münchner Archäologischen Staatssammlung betrieben wird. Ein schöner, luftiger Neubau ist da entstanden, in dem unterhaltsam das Leben unserer Vorfahren illustriert wird.

Allan Kaprow ist der Papa des Happenings. Das Haus der Kunst erinnert an diesen skurrilen Typ, dem es wurscht war, dass seine Kunst nicht museumstauglich ist (bis 21.1.).

wie Langenscheidt: Der Münchner Verlag schenkte sich selbst zum 150. Geburtstag keine Bücher-Schau, sondern eine veritable Kunstausstellung: Wie verarbeiten Künstler Sprachen in ihren Werken? (Haus der Kunst).

Mit einer fast genialen Idee hat das Lenbachhaus seine einzigartige Dauer-Präsentation zum Blauen Reiter kunst-aktuell aufgemöbelt.

wie "Mythos Troja": Nicht nur Homer besingt in der "Ilias" Krieg, Helden und Götter. Dass es einen Riesen-Sagenkreis dazu gibt, zeigen die Antikensammlungen am Königsplatz mit Vasenbildern und Skulpturen (bis 31.5.).

Eine hinreißende Entdeckung kann der Besucher des Bayerischen Nationalmuseums derzeit machen: Conrat Meit, einen Bildhauer der Renaissance (bis 18. März).

wie NS-Zeit: Wie man mit der Erinnerung dran umgeht, erwägen Münchens Stadtväter und -mütter nicht nur im Hinblick auf das Dokumentationszentrum. Mit dem Geld für Kunst im öffentlichen Raum möchten einige Mahnmale errichten. Wie schwer Gedenken und Kunst zusammenkommen, bewiesen allerdings manche Reaktionen auf die künstlerischen Installationen im Rahmen der "ortstermine" an jüdischen Plätzen Münchens.

wie "Ort und Erinnerung": Das war die ultimative Ausstellung und Dokumentation über München im Nationalsozialismus. Lebensnah und detailliert rückte einem der Alltag in einer Diktatur schmerzhaft nahe (PDM/ Architektur).

wie Picasso: Das Buchheim-Museum in Bernried wartet mit einem üppigen Angebot von Arbeiten auf Papier des spanischen Genies auf. Wieder das ewige Staunen ­ was der alles kann! (Bis 14.1.).

"Public Secret" ist wirklich ein Geheimnis gewesen. Gelüftet wurde es vom engagierten Team des Kunstvereins. In einer bestens bestückten Schau rettete es eine selbstverliebte und dennoch bemerkenswerte Brit- Avantgarde (seit den 1970ern bis in die 80er-Jahre) vor dem Vergessen.

wie Quelle für "Detektivgeschichten": Spannende Technik und Wissenschaft wollte das Doerner-Institut mit dieser Schau über Fälschungen, Zuschreibungen oder Restaurierungen vermitteln ­ mit Erfolg (Pinakothek der Moderne).

wie Rodin: Seinen erotischen, verzweifelten oder gewalttätigen Paaren und natürlich seinem "Kuss" widmet die Hypo-Kunsthalle ihre schönste 2006er-Schau (bis 7.1.).

wie "Gruppe Spur": Das Museum Villa Stuck stellte diese Münchner Künstler-Bande aus den 1950er- und 60er-Jahren erstmals in voller Gänze vor.

Das Architektenpaar Sauerbruch Hutten baut in München nicht nur das Brandhorst-Museum, sondern entwarf auch den ADAC-Neubau. Die Exposition beleuchtete die Arbeitsweise des Teams und verschaffte den Besuchern einen Vorgeschmack auf die Gebäude (PDM/ Architektur).

wie Twombly, Cy: Er zählt zu den bedeutendsten Malern unserer Zeit. Nun wurden auch seine zierlichen, weißen Plastiken aus vorgefundenen Abfall-Stücken mit einer Exposition in der Alten Pinakothek geehrt.

Rudi Tröger gehört zur Nachkriegsgeneration. Ein Maler, der die Moderne vorwärtstrieb, ohne sich Trends oder dem Markt anzupassen. Die Akademie der Schönen Künste pries diese Haltung.

wie urbane Lösungen: Ein wunderbares Beispiel ist das Jüdische Zentrum, das den öden St.-Jakobs-Platz in einen Lebensort verwandelt. Die Richtfeste des Cuvilliéstheaters und des Brandhorst-Museums machen Hoffnung auf neue Treffpunkte für Stadt-Genießer. Schön auch, dass die Falckenbergschule fast zur Gänze vom Leonrodplatz in die Innenstadt zurückgekehrt ist.

wie Videokunst: Landauf, landab wurden 40 Jahre Videokunst gefeiert. Im Lenbachhaus war nicht nur ein "historischer" Querschnitt zu sehen, sondern auch die frischsten Entwicklungen auf dem Gebiet.

wie Wittmer: Das Murnauer Schlossmuseum erzählte in einer Exposition von Kronprinz Maximilians Reiseführer ­ von Johann Michael Wittmer (1802-1880). Der Maler brachte den Bayern Italien, Griechenland und die Türkei auf lustvolle Weise nahe.

wie Xenakis, Iannis: Das Münchner Haus der Architektur zeigte, wie seine Musik seine Baukunst befruchtete und umgekehrt.

wie Young-Jae Lee: Die gebürtige Koreanerin, die schon lange in Deutschland lebt, ist eine Meisterin der Keramik. 1111 selbst gefertigte Schalen komponierte sie in der Rotunden-Galerie der PDM zu einer Installation, einem schimmernden Kosmos zwischen Handwerk und Kunst (bis 28.1.).

wie "Zurück zur Figur": Die Hypo-Kunsthalle wagte es. Sie wollte die hochgelobte, hochbezahlte Gegenwartsmalerei analysieren. Eine recht hilflose Schau entstand ­ mit zu vielen schlechten Bildern.

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