Der König von Münster

- Kristus wollte er werden, der kleine Junge namens Jan Beukels aus der niederländischen Stadt Leiden. Sündhaft war diese Äußerung zu Beginn des 16. Jahrhunderts, selbst wenn sie von einem Siebenjährigen stammte. Und erst recht, wenn ihm bei der Niederschrift dieses Wunsches für den Lehrer auch noch ein Rechtschreibfehler unterlief . . .

<P>Was Jan, der zornig, aber schweigend die Maulschellen des Lehrers über sich ergehen ließ, eigentlich gemeint hatte, war freilich keine Gotteslästerung: Am Palmsonntag hatte ihn bei der Prozession der Kartäusermönch so sehr beeindruckt, wie er auf einem Esel saß und Jesus' Einzug in Jerusalem dargestellt hatte. Diese Rolle wollte der kleine Junge eines Tages auch übernehmen, daher sein ungeschickt formulierter, zum unbeabsichtigten Frevel ausgearteter Berufswunsch. Und doch blieb von der kindlichen Versponnenheit des kleinen auch etwas am erwachsenen Jan hängen.<BR><BR>Tod im Käfig</P><P>Denn bei all seiner Suche nach dem rechten Glauben und seiner Berufung träumte Jan Beukels, später genannt Jan van Leyden, auch von einer ruhmvollen Karriere. Anders als eben jener Kartäusermönch Gerrit tom Kloister, den sich noch der kleine Jan als geistigen Führer und Freund gewonnen hatte. Der Mönch nämlich befreite sich von äußeren Zwängen und Dogmen, kam einem christlichen Ideal dabei am nächsten, konnte seinen Zögling jedoch nicht davon überzeugen. So ließ sich der tatendurstige, charismatische Jan, begabter Redner und Populist, erst als Kaufmann bis nach Lissabon treiben. Dann machte ihn das Schicksal, in der Nachfolge Jan Mathys', zum Propheten der Wiedertäufer und schließlich er selbst sich zum König von Münster, wo er eine Schreckensherrschaft errichtete und das Volk quälte. In einem Käfig am Turm der St. Lambertikirche verendete er, nachdem der Bischof von Münster die Stadt erfolgreich belagert hatte.<BR><BR>Robert Schneider, der Autor des Erfolgsbuches "Schlafes Bruder", hat die historische Geschichte dieses Jan van Leyden zu einem Roman von stattlichen Ausmaßen geformt. Es ist ihm dabei ein Lehrstück über den Mechanismus und das Wesen von Diktaturen gelungen. Und dennoch ist er daran gescheitert. Sein Roman hat eine große Qualität, die ihm zugleich zum Verhängnis wird: die historisierende Sprache, die rauschhaft in ihren Bann zieht und diese Zeit der Glaubenskriege und -abspaltungen herb und bedrohlich anklingen lässt. Doch der Strom dieser wohlgesetzten Worte tritt über die Ufer, Schneider ergeht sich selbstzufrieden in Formulierungskünsten. <BR><BR>Schade um diesen reichhaltigen Stoff, der das Zeug zum großen Drama hat. Schneider lässt es bei der Mutter Jans beginnen, einer von einem kleinen Advokaten geehelichten Dienstmagd. Dann zieht er weiter in die Stuben von Kanonikus Schelde und Jans Schulmeister Joest. Und nur umständlich findet der Erzähler zu der Perspektive seines Protagonisten. Die er, um üppiger, plastischer Ausschweifungen willen, häufig wieder verlässt. Da sieht man plötzlich seinem Lehrmeister über die Schulter, der seinen Reichtum vermehren will und Versuche anstellt, Gold zu erzeugen. Eine Szene von besonders eindringlicher Komik, weil Gier und Geiz den Alchimisten nach jeder Niederlage aufs Neue mit merkwürdigen Ingredienzen hantieren lassen und weil sein Projekt Zeugnis ablegt vom Geist der Zeit. <BR><BR>Andere, dramaturgisch wichtige Figuren wie der prägende Mönch Gerrit, der den Jan van Leyden bis zu seinem Tod begleitet, geraten darüber streckenweise ganz in Vergessenheit. So breit legt Schneider seine düsteren Gemälde dieser bewegten Zeit an, dass er die Handlungsstränge darin verliert. Wer auf deren klug komponierte Zusammenführung wartet, wird enttäuscht. Zu sehr bleibt der Erzähler der Historie verhaftet. Immer mehr verkommt er zum Chronisten, abgelenkt von der Aufgabe, die Wirren um katholischen, protestantischen und freigeistigen Glauben, um Papisten, Lutherische und Wiedertäufer einigermaßen nachvollziehbar zu gestalten. Doch unter der Unentschiedenheit zwischen Chronistenpflicht und Freiheiten des Erzählers leidet dieses Buch. Die historischen Begebenheiten verdichten sich nicht zum aussagekräftigen Bild, seine Perspektiven beziehen sich nicht auf einen Fluchtpunkt. Insofern ist dem Buch der Schritt aus dem Mittelalter in die Neuzeit, den es ja thematisiert, formal nicht gelungen.<BR><BR>Und so rückt die Sichtweise ganz allmählich ab von ihrer immer mehr dem Fanatismus anheim fallenden Hauptfigur. Zuletzt ist sie nur noch von weitem zu sehen, ohne dass das gedemütigte, enttäuschte, desillusionierte Volk, das seinen Propheten geglaubt hatte, dass sich in Münster das Himmlische Jerusalem errichten ließe, in der Darstellung deutlich näher gerückt wäre. <BR>Doch das Problem dieses Buches hat seinen Ursprung bereits in der Beschreibung des kleinen Jan: Schon da verweigert der Erzähler die glaubhafte Motivierung des wissbegierigen Jungen und erliegt selbst der Faszination seiner höheren Bestimmung, die sich bis zum Ende des Romans nicht einstellt. Bei aller Orakelei hätte er die Fallhöhe dieses Charakters nicht aus dem Auge verlieren dürfen. Eine langwierige Fleißarbeit, bei der das Wuchern mit Details das Interesse an der Hauptfigur verdrängt hat.</P><P>Robert Schneider: "Kristus. <BR>Das unerhörte Leben des Jan Beukels". Aufbau-Verlag, Berlin, 608 Seiten; 24,90 Euro.<BR></P><P><BR> </P>

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