"König Ödipus" im Residenztheater

Wenn Papa zum Rivalen wird

München - Das Residenztheater bringt „König Ödipus“ von Sophokles heraus – doch was steckt eigentlich hinter dem Ödipus-Komplex?

Es ist ein Dilemma, um das wir alle nicht herumkommen. Nein, wir können die Mama, respektive den Papa nicht heiraten. Das fände der Papa, respektive die Mama, nämlich nicht so passend. Ihn oder sie deshalb aus dem Haus zu jagen, oder – Orakel von Delphi bewahre! – gar zu töten, geht auch nicht. Vor allem, weil wir, wenn der Wunsch danach am größten ist, noch kleine Buben und Mädel sind. Ungefähr mit sechs Jahren setzt er ein, der Ödipus-Komplex, den Sigmund Freud Anfang des 20. Jahrhunderts beschrieben hat.

Bei der Namensgebung dieser grundsätzlich völlig normalen und damit unproblematischen Entwicklungsstufe eines Kindes hat er sich der griechischen Mythologie bedient. Sophokles’ Drama „König Ödipus“ war Inspiration. An diesem Samstag feiert Mateja Koležnik mit ihrer Inszenierung Premiere am Münchner Residenztheater. Gelegenheit, einmal zu überprüfen, was dran ist an der Theorie des alten Freud.

Professor Frank Padberg ist Leiter der Sektion für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der LMU München. Was also bedeutet Ödipus-Komplex? „Freuds Theorie geht davon aus, dass es in der Entwicklung eines Kindes die sogenannte ödipale Phase gibt, in der es sich mit der aufkommenden sexuellen Entwicklung mehr an dem gegengeschlechtlichen Elternteil orientiert – und gewissermaßen um diesen mit dessen tatsächlichem Partner rivalisiert“, erklärt Padberg. „Das bedeutet etwa, dass der kleine Junge mit dem Vater um die Mutter konkurriert.“ Der Ödipus-Komplex sei nicht pathologisch, habe nichts Krankhaftes, sondern beschreibe eine komplexe Situation in einer bestimmten Entwicklungsphase. Diese werde aufgelöst, indem es dem Jungen gelingt, sich mit dem Vater zu identifizieren und ihn nicht mehr als Rivalen zu begreifen. Und später diesen Wunsch, der auf die Mutter bezogen ist, auf andere Frauen zu übertragen.

„Man sagt, dass sich der Komplex bis zur Pubertät auflöst“, so Professor Padberg. „Dann spricht Freud von dem Untergang des Ödipus-Komplexes in der Entwicklung des Kindes.“ Problematisch wird’s erst, wenn das nicht passiert. Gelingt es dem Kind nicht, den Komplex zu lösen, könne es sein, dass es so gebunden an den gegengeschlechtlichen Elternteil bleibt, dass die eigene sexuelle Identität schuldhaft verarbeitet wird und ein Einlassen auf andere Partner unmöglich scheint. Ein Mann wird die Mutter dann vielleicht nicht gleich heiraten wollen, wie es Ödipus getan hat, aber sich doch möglicherweise nie an eine andere Frau binden können. Oder stets eine Frau suchen, die der eigenen Mutter sehr ähnelt. Letzteres kann übrigens auch im Familienalltag eine Rolle spielen, „ohne dass es problematisch wird“, wie der Mediziner meint. Also nur die Ruhe, wenn der Gatte mal wieder vorwurfsvoll ruft: „Du bist wie meine Mutter!“ Kein Grund, die psychotherapeutische Notaufnahme anzurufen.

Schwieriger ist es, wenn durch einen nicht gelösten Komplex ungesunde Beziehungskonstellationen entstehen. Dann sucht sich der Mann oder die Frau unter Umständen einen wesentlich älteren Partner, der ihn oder sie aber ganz und gar unpartnerschaftlich behandelt – sondern wie ein Kind. Auch Angststörungen und Depressionen können ihre Ursache in einem nicht überwundenen ödipalen Komplex haben, heißt es bei Freud. Er beschrieb in einem Fallbeispiel den kleinen Hans, der eine Pferdephobie hatte. Das auf den Ödipus-Komplex zurückzuführen, halten Freud-Kritiker für falsch. Doch allen neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz: „Man muss ganz klar sagen, dass Freud ein Pionier war und erstmals diese Form der psychischen Prozesse beleuchtet hat“, betont Frank Padberg. Zwar deckten sich Freuds Entwicklungstheorien nicht mit allem, was über die Jahre empirisch erforscht wurde. „Dennoch beschreibt er mit dem Ödipus-Komplex ein Thema, das allgemeine menschliche Gültigkeit hat.“

Könnte es sich also tatsächlich so zutragen? Ein Mann tötet den Vater und geht eine Beziehung mit seiner Mutter ein? Padberg lächelt. „Solch einen Fall hatte ich noch nie.“ Und doch steckt in dem Drama eine Grundwahrheit. Ödipus tut all dies nicht bewusst. Er weiß nicht, dass es Mutter und Vater sind, mit denen er zu tun hat. „Diese unbewusste besondere Nähe zur Mutter und eine Ablehnung des Vaters ist etwas, womit wir in der Psychotherapie immer wieder zu tun haben. Umgekehrt gibt es auch bei Mädchen diese Phänomene in der umgekehrten Konstellation. Es gilt dann, diese Thematik psychotherapeutisch zu bearbeiten, um etwa gesündere Beziehungen möglich zu machen.“

Katja Kraft

Premiere

an diesem Samstag;

Telefon 089/ 2185-1940.

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