Der König der Tiere

- Es sind die schlichten, alten, immerjungen Theatermittel, die den Regisseur Dieter Dorn fesseln. Die große, freie Bühne, offen bis zur Brandmauer, weiß, einsehbar, kontrollierbar. In diesen weiten Raum stellt er die Menschen, deren Geschichten er erzählen will. Er braucht dazu nichts weiter als gute Schauspieler; er braucht Tücher, Podeste, Treppen, einen Laufsteg durchs Publikum, den Eisernen Vorhang, Live-Musik und Licht. So einfach, so schwer.

Nach der bis ins kleinste Kulissen-Detail vollgebauten Zimmerschlacht "Floh im Ohr" ist Dorn nun im Residenztheater mit Shaws Komödie "Androklus und der Löwe" zurückgekehrt zu diesen ureigensten Mitteln des Theaters. Und der Zauber der leeren Bühne wirkt.

Löwengebrüll in dem Moment, da sich der Vorhang zum ersten Mal hebt. Auf die nackten Wände eine Vielzahl von Videoprojektionen: ein Mix aus den Massenveranstaltungen dieser Welt. Dann senkt sich von oben herab ein weißes Tuch über all den Lärm und die bunten Bilder. Wenn es wieder hochgezogen wird, liegt er plötzlich da ­ der König der Tiere, der stolze Leu, majestätisch in seinem goldschimmernden Glanz. Zunächst schlafend, tief atmend. Es tönt Musik vom Rang. Der Löwe erwacht, gähnt, streckt sich. Schließlich erhebt er sich ­ ein Riesentier, springt an die Rampe, direkt vors Publikum, wedelt kokett mit dem Schwanz, klimpert charmant mit den Wimpern. Die Bassposaune gibt den Ton an, der Löwe gibt Laut ­ und tanzt.

Lärmende Gladiatoren

Der Abend kann nicht schöner werden. Er kann diese heitere, zum Staunen wundervolle Poesie, die die Löwen-Darsteller Bambang Tanuwikarja und Benjamin Schiegl von der Kung Fu Academy Berlin verbreiten, nicht steigern. Und auch nicht den Schmerz, den das Tier brüllend und drohend empfindet, nachdem ihm ein "entsetzlich großer Dorn" in der Tatze steckt. Dass der kleine, von seiner Frau unterdrückte Androklus ihn davon befreit, ist der Beginn einer märchenhaften Freundschaft. Und das ungleiche Paar marschiert ab durch die Mitte des Zuschauerraums.

Dieter Dorn besitzt alles für diese, 1913 in London uraufgeführte, milde Glaubenskomödie, deren optimistische Botschaft ist, dass Freundlichkeit und Friedfertigkeit die Bestie zähmen und die Menschheit befrieden können. Er hat dafür, zumindest in den Hauptrollen, auch die guten Schauspieler.

Michael Tregor ist in seiner Skurrilität und Zierlichkeit ein zauberhafter Löwenbändiger Androklus, dessen Komik er aus der Todesangst des schmächtigen Helden entwickelt ­ zunächst vor dem Löwen, dann vor den Römern, den Gladiatoren, dem Kampf. Er ist der zarte, leise Gegenpol zu Oliver Nägele, der Ferrovius, den christlichen Eiferer, spielt: ein Bulldozer zwischen Gefühl und Gewalt, der sich zum Motto "Liebe deine Feinde" zwingt, aus dem es herausbricht, wenn er nur ein Schwert sieht, der seine harte Rechte bedrohlich gegen die Römer schwingt, sechs Gladiatoren auf einmal erlegt und sich so dem christenfeindlichen Kaiser empfiehlt.

Der ist bei Rudolf Wessely ein komischer Kauz, ein cäsarischer Trottel wie aus dem Kasperletheater. Mit der ausgezeichneten Lisa Wagner, die der Lavinia großen Ernst und christliche Gelassenheit gibt, mit Thomas Loibl, der sich mit Anstand der kleinen Rolle des verliebten römischen Hauptmanns entledigt, mit Stefan Wilkening, Arnulf Schumacher und Anna Riedl hätte der Abend schon ein vollkommener werden können. Aber die Frage ist nicht nur, ob man das Stück überhaupt wählen sollte. Oder ob es nicht auch in den kleinsten Rollen besser besetzt sein müsste. Sondern: warum Dorn als Regisseur ihm eine Größe oktroyiert, die es nicht aushält, weil es sie nicht hat.

Er inszeniert "Androklus und der Löwe" wie einen Shakespeare. Die in Reihen aufmarschierenden Soldaten Roms, die zusammengedrängt erscheinende Masse der Christen, die lärmenden Gladiatoren, die nur akustisch präsente, tosende Masse im Kolosseum. Dazu so assoziative Bilder wie die auf der Bühne zurückgebliebenen Koffer der verfolgten Christen oder die Vorführung der Gefangenen, deren Kopf mit einer Papiertüte abgedeckt ist. Und immer wieder die Auftritte aus der Tiefe des Raums. Im Einzelnen wunderbare Szenen, im Ganzen aber motzen sie das Stück nur auf. Da ist man froh, wenn wieder der Löwe auf die Bühne darf, um am Ende nicht nur den Kaiser Roms zu becircen und milde zu stimmen, sondern auch das Publikum, dem er diese Aufführung als insgesamt hübsch-harmlose Märchenkomödie empfiehlt.

Die Besetzung

Regie: Dieter Dorn. Bühne: Dieter Dorn, Gotthard Wulff. Kostüme: Monika Staykova. Musik: Rudolf Gregor Knabl. Darsteller: Michael Tregor (Androklus), Anna Riedl (Megära, seine Frau), Rudolf Wessely (Cäsar), Thomas Loibl (Hauptmann), Arnulf Schumacher (Centurio), Lisa Wagner (Lavinia), Oliver Nägele (Ferrovius), Stefan Wilkening (Spintho), Rudolf Waldemar Brem (Spielleiter), Bambang Tanuwikarja und Benjamin Schiegl (Löwe), u. a.

Die Handlung

Der griechische Schneider Androklus, auf der Flucht vor der Christenverfolgung, zieht in seiner Tierliebe einem Löwen einen Dorn aus der Tatze. Von den Römern geschnappt, soll er zusammen mit anderen gefangenen Christen im Kolosseum den Löwen zum Fraß vorgeworfen werden. Doch in der Arena trifft er auf seinen alten Bekannten. Und das Raubtier verschont ihn aus Dankbarkeit. Für den Kaiser ein so großes Wunder, dass er alle Christen freilässt.

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