Königin der Löwen

- Tadellose Haltung. Leuchtend rote Haare. Der spitze Ausschnitt des zugeknöpften Blazers oft eine Idee zu tief. Strahlendes Lachen. Vollklingende, schöne Stimme, die durch einen Schuss Berlinerisch noch immer ziemlich sexy wirken kann. Eine Löwin der Extraklasse. Die Bühne ist für sie die freie Wildbahn, das wirkliche Leben der Käfig des Raubtiers. Heute wird Lola Müthel 85 Jahre alt. Doch man sieht es ihr nicht an.

<P>Wahrscheinlich muss einer erst 90 werden, damit sich das Residenztheater herablässt, jemanden mit einer Matinee oder Ähnlichem zu feiern und zu ehren, der früher einmal über viele Jahre Protagonist dieses Hauses war und zu seinem Ruhm maßgeblich beigetragen hat. Unter wessen Intendanz auch immer; das dürfte in diesem speziellen Fall keine Rolle spielen. Lola Müthel ist ein Theatermensch durch und durch. 1919 wurde sie in Darmstadt geboren. Ihre Mutter Schauspielerin, ihr Vater, Lothar Müthel, berühmter Schauspieler, Regisseur und Intendant. Sie wuchs in Berlin auf, erhielt ihre Ausbildung an der Schauspielschule des Staatstheaters. Die Müthel war erst 17, als Gustaf Gründgens sie in sein Ensemble holte, damit sie in seinem "Faust" die Helena gebe. Bis 1944, bis zur Schließung des Theaters, gehörte sie diesem Haus an, das sie künstlerisch so durch und durch geprägt hat.</P><P>Ein Theatermensch durch und durch</P><P>Lola Müthel - stets der Inbegriff einer schönen, vitalen, erotischen Frau _ agierte auch nach 1945 immer wieder in Berlin. 1949 war sie bei den Salzburger Festspielen die Buhlschaft im "Jedermann". In Frankfurt fetzte sie eine Penthesilea auf die Bühne, von der noch heute geschwärmt wird, niemand danach habe je wieder Kleists rasendes Weib so gut gespielt wie sie.</P><P>Ab 1973 gehörte dann die Wahl-Münchnerin zum Bayerischen Staatsschauspiel. Sie ließ keinen Klassiker aus und scheute nie die Moderne. Ob Schiller, Shakespeare oder Dürrenmatt, Thomas Bernhard oder George Tabori: Meist hieß es in den Premierenkritiken: "Sie war die Königin des Abends."<BR>Das gilt nicht nur fürs Sprechtheater. Mit ihrer wunderbaren Gesangsstimme lehrte die Müthel manch Operettendiva das Fürchten. Und alle angehenden Musical-Darsteller müssten dazu verdonnert werden, von ihr zu lernen. Davon, wie sie "Kiss me, Kate" (zusammen mit Johannes Heesters) in Deutschland kreierte, wie sie "Hello Dolly" sang oder wie sie zuletzt in "My Fair Lady" Higgins' Mutter spielte. Mit einer Grandezza, die ihresgleichen sucht.</P><P>Und wenn Lola Müthel das Podium betritt, was sie im kleineren Rahmen zum Beispiel an ihrem Wohnort Gräfelfing hin und wieder noch tut, um Balladen zu rezitieren oder Brecht-Songs zu singen, wird man auch hier Zeuge einer Kunst, die es nach ihr so vielleicht nie wieder geben wird: groß und pathetisch, sinnlich und verführerisch, mit leicht ironischer Distanz; dazu die Meisterschaft der Konversation. Ein Tragödin, eine Komödiantin der alten Schule. Und die ist, angesichts heutiger Sprach- und Denkschludereien auf unseren Bühnen, noch immer aufs Höchste zu preisen. Am besten und ganz spontan bei einem Glas Prosecco.</P>

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