Die Königin als Sarastros Trick

- Marcel Prawy, der unvergessene Musikplauderer, meinte einst, Wagners "Parsifal" sei Kindern ja wohl einfacher zu erklären als Mozarts "Zauberflöte". Und es stimmt: Als ABC-Schützen-Oper taugt das Werk nur bedingt. Die Märchenebene mag dann funktionieren, doch der weitaus größere, vielschichtigere, bewusst verrätselte Verständniszusammenhang bleibt ausgeblendet. Wie man Mozarts Opus umfassend deuten kann und das als spannend geschriebene Studie dem Leser näher bringt, beweist Jan Assmann in "Die Zauberflöte. Oper und Mysterium".

Eines der wichtigsten Bücher zum Mozart-Jahr - und die ideale Lektüre vor dem Salzburger Marathon mit sämtlichen Opern des Meisters: Die "Zauberflöte" hat dort am 29. Juli Premiere.

Assmann, der musikkundige Ägyptologe, räumt dabei mit einigen Vorurteilen auf. Zum Beispiel mit dem, durchs Stück ziehe sich ein Bruch, wenn sich die Königin der Nacht von der guten Mutter zur bösen Fee und Sarastro vom Pamina-Entführer zum braven Priester wandeln.

Assmann begreift die "Zauberflöte" aus Freimaurersicht. Im Mittelpunkt: Tamino, der Kandidat, der die Aufnahme in Sarastros Bruderschaft anstrebt - und diesem Bund am Ende sogar eine Revolution beschert, wenn mit ihm erstmals eine Frau, Pamina, an die Spitze rückt.

Wie bei der "Initiation" eines Freimaurers muss Tamino eine Reihe von Prüfungen bestehen. Und dazu wird er laut Assmann nicht nur mit der Schweige-, Feuer- und Wasserprobe konfrontiert, sondern auch zum Beispiel mit einer stark beeindruckenden Darstellung der nächtlichen Königin, die womöglich sogar von den Priestern inszeniert wurde. Denn entscheidend, so Assmann, sei nicht, welchen Charakter die Königin habe, sondern wie sie Tamino erscheine. Die Königin also als Sarastros Trick?

Die Kernthese Assmanns: Mozart und sein Textdichter Emanuel Schikaneder konstruieren das gesamte Stück als Ritual. Ästhetik und Struktur der Oper spiegelten eine solche Initiation wider. Der ägyptische Hintergrund erkläre sich mit den Vorlieben der Freimaurer für die "Mysterien der Isis": Gebräuche und Rituale, mit denen ein geheimes Wissen gehütet wird, auf dass es einst zur Weltverbesserung beitrage.

Mozarts Welttheater

Assmann bietet dabei sehr informative Exkurse zum Thema Freimaurer und wartet mit schlüssigen musikalischen Überlegungen auf, die Analyse etwa von Taminos "Bildnis"-Schlager dürfte selbst Notenunkundige verblüffen. Darüber hinaus weist Assmann auf die Parallelmontagen der "Zauberflöte" hin: Durch die häufigen Verwandlungen hätten Mozart/ Schikaneder immer wieder den Eindruck der Gleichzeitigkeit erzielen wollen.

Und dass diese ernsten Vorgänge eine Figur wie Papageno vertragen, dass dieser sogar - dank der Vielzahl seiner Gesangsnummern - in den Mittelpunkt rücke, das sei eine weitere große Errungenschaft der "Zauberflöte". Man denke nur, so Assmann, Wagner hätte im "Parsifal" eine solche zweite Ebene eingezogen: "Durch die Einbeziehung des Volks und seiner Lachkultur in die heiligen Vorgänge gewinnt die Oper die Dimension des Welttheaters".

Jan Assmann: "Die Zauberflöte. Oper und Mysterium". Hanser Verlag, München, 384 Seiten; 24,90 Euro.

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