Königliche Kuschelei

- Von "Chorus Line" bis "Jesus Christ Superstar", das Brit- und US-Musical ist total abgeäst. Da kam dem Münchner Deutschen Theater die männermordende "Lola Montez" wie gerufen, und dann noch von Peter Kreuder (1905-81), dessen Hits wie "Sag' zum Abschied leise Servus" auch eingefleischte Theater-Muffel einst begeisterten. Timm Tzschaschel, seit langem beschäftigt mit dem Nachlass des UFA- und Operetten-Komponisten, hatte das noch unveröffentlichte Musical entdeckt und dem Miesbacher Freien Landestheater Bayern (FLTB) zur Uraufführung angeboten: die "Spanische Tänzerin" von Skandal umwittertem Ruf, die, 1846 in München angekommen, dem 60-jährigen König Ludwig I. die Liebeslust neu entfachte, ihn aber 1848 den Thron kostete - eine echt bayerische Story um "sex & politics"!

<P>Der Deko-Riesenkopf der Bavaria gleich als Symbol fürs Heimatliche. Umgedreht wird daraus Lolas Boudoir, meistenteils jedoch Ludwigs I. rotsamtenes Baldachin-Bett - für königliche Kuscheleien oder auch erotische Zweiminüter Lolas mit dem stürmischen Leutnant Nußbaumer. Hauptsächlich um diese intime(n) Montez-Geschichte(n) ging es Autor Maurus Pacher, als er "Lola" mit Kreuder 1972 ausheckte. In acht Bildern also: Ankunft von Lola Montez im Faschingskehraus.</P><P>Blasmusik und Broadway</P><P>Mit herrischem Peitschenknall erobert sie sich die Bewunderung der Studenten, mit ihrem Ohnmachtstrick den König. Bald hängt ihr Bildnis in Hofmaler Stielers Schönheitsgalerie. Der Traum der zur Gräfin Landsberg Geadelten ist jedoch vorbei, als Ludwig I. sich für Rücktritt entscheidet, Nußbaumer (Marko Kathol) von einer Kugel tödlich getroffen wird und die Bürger im Perchten-Ritual die "babylonische Hur'" aus der Stadt mobben.</P><P>Und nix Politik? Hitziger Volksaufruhr immerhin, auch bildkräftig inszeniert, im sechsten Bild, wo Lola, gestärkt durch ihre Alemannen-Studentengarde, sich ihren Gegnern mutig entgegenwirft. Wäre jetzt spannend gewesen, hier einzuholen, dass die gebürtige Irin Eliza Gilbert für eine aufgeklärte liberale Staatsform eintrat - und das als gerade mal 25-Jährige im 19. Jahrhundert! Sie zwar genusssüchtige Königsmätresse, aber auch Katalysator in einer zwischen erstarktem Bürgertum und dem restaurativen Ludwig I. sich zusammenbrauenden Umbruchsperiode. Da hätte man eventuell umschreiben müssen, mit Zustimmung von Pacher und Kreuders Witwe.</P><P>Stattdessen vor München-Kulisse, die an einem großen Diptychon auf- und umgeblättert wird (Bühne: Simone Speer) eine Reihung von Anekdoten, von der "Bierrevolution" über Ludwigs frisch beflügelte Dichtkunst bis zum hart erkämpften Techtelmechtel der Oberwäschebeschließerin mit Lolas schwulem Begleiter Bé´bé´. Wobei Susanne Brantl mit feschem Schürzen-Charme und Martin M. Fösl mit prallrund ballettöser Grazie aus ihrer Buffonummer ja noch ein Bravourstückchen machen. Elisabeth Neuhäusler ist eine forsche, stimmfeste Lola Montez, legt auch einen ganz hübschen spanischen Tanz (Michael Kitzeder) aufs "Hof-Parkett". Alfred Hörmeyer gibt einen gar nicht alten baritonalen Ludwig I. Überhaupt erweist sich das FLTB als gesanglich durchaus solide in Kreuders melodischer Operetten-Musical-Kreuzung, die hinübergleitet von spanischen Klängen zu jazzigem Broadway, neben bayerischer Blasmusik auch Tango duldet.</P><P>Einiges in Georg Blümls Inszenierung läuft linkisch, aber die Stärke des FLTB ist sein sympathischer Ensemblegeist, gehalten auch von der musikalischen Leitung seines Intendanten Rudolf Maier-Kleeblatt. "Lola" wird wohl nicht als "weißblaue Evita" in den Musical-Olymp eingehen - ein volkstheaterliches Sommervergnügen ist sie allemal.</P>

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