Demonstranten auf dem Königsplatz.
+
„Kultur erhalten“ – mit Abstand und Mund-Nasenschutz: Demonstranten auf dem Königsplatz.

Rund 1000 Menschen demonstrieren auf dem Münchner Königsplatz gegen Corona-Auflagen

Königsplatz: Große Demo zur Rettung der Kulturszene

Rund 1000 Menschen versammelten sich trotz nasskaltem Wetter auf dem Münchner Königsplatz. Ein starker Appell von Kulturschaffenden, ihre Branche in der Corona-Krise nicht weiter stiefmütterlich zu behandeln.

  • Kulturszene fordert: Schluss mit leeren Worten, die Politik solle endlich handeln
  • Promis wie Gerhard Polt, Hannes Jaenicke und Patrick Lindner sind mit dabei
  • Kunstminister Bernd Sibler verspricht, „die Diskussion weiterzuführen“

Nach der Regierungserklärung vergangene Woche schien die für Samstag angesetzte Demonstration „Aufstehen für Kultur“ manchen schon hinfällig geworden zu sein. Hatte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) doch gut acht Monate nach Beginn der Pandemie endlich die überfälligen Nachbesserungen für die bislang meist nur wenig effektiven Künstlerhilfen versprochen. Doch die im selben Atemzug verkündeten neuen Einschränkungen bestärkten viele Menschen, trotz nasskalten Wetters auf den Münchner Königsplatz zu kommen: Rund 1000 Demonstrierende hatten sich laut Angaben der Organisatoren zusammengefunden, um ihren Frust gegenüber der Landesregierung zum Ausdruck zu bringen, von der man sich ignoriert und im Stich gelassen fühlt.

Klare Botschaften der Kulturschaffenden in München.

Nicht nur für freiberufliche Künstlerinnen und Künstler ist es fünf nach zwölf. Auch die in der zweiten und dritten Reihe Tätigen, die in der Diskussion gerne vergessen werden, sehen ihre Existenzen bedroht: Techniker, Künstleragenten, Caterer, auch das Gastro- und Hotelgewerbe, das von Kulturtouristen profitiert. Dies klang nicht nur in den Reden von Betroffenen durch. Auch Bayerns ehemaliger Kultusminister Hans Maier betonte: „Die Kultur ist an der Schmerzgrenze angelangt und ihre Freunde müssen sich zu Wort melden. Kultur ist keine belanglose Zugabe, sondern wichtig für den Standort Bayern.“ Darüber hinaus erinnerte Maier seine CSU-Parteikollegen an Artikel 3 der Bayerischen Verfassung. „Dort heißt es: ‚Der Staat schützt die natürlichen Lebensgrundlagen und die kulturelle Überlieferung. Er fördert und sichert gleichwertige Lebensverhältnisse und Arbeitsbedingungen in ganz Bayern.‘ Dieser Satz muss jetzt allen in den Ohren klingen.“

Ex-Minister Hans Maier (CSU) zitierte Bayerns Verfassung.

Andere Redner begegneten der Situation mit Galgenhumor. Wie Gerhard Polt, der in einer Videobotschaft die oft absurde Ungleichbehandlung der Kulturschaffenden durch die Politik aufs Korn nahm. Doch das Lachen blieb einem im Halse stecken angesichts der düsteren Zukunft, die etwa die Geschäftsführerin des Tölzer Knabenchores, Barbara Schmidt-Gaden, heraufbeschwor. Sie warnte vor „kultureller Verarmung“ und den Konsequenzen für die musikalische Förderung des Nachwuchses, der klassische Musik bald womöglich nur noch als „vergangene Folklore von Aufnahmen her kennt“.

Ex-Kunstminister Wolfgang Heubisch: „Es wird angekündigt und nichts umgesetzt!“

Dass sich auch der derzeit für Kultur zuständige Minister Bernd Sibler aufs Podium wagte, um stellvertretend für seinen Parteivorsitzenden die erwarteten Buhrufe entgegenzunehmen, ehrt ihn. Viele Skeptiker dürfte er mit dem erneuten Herunterbeten der geplanten Nachbesserungen aber nicht bekehrt haben. Ebenso wenig mit dem Angebot „die Diskussion weiterzuführen“. Nach all den Worten wäre es Zeit für Taten, wie Siblers Amtsvorgänger Wolfgang Heubisch (FDP) anmerkte: „Es ist das alte Lied. Es wird angekündigt und nichts umgesetzt.“ So hätte man zwar das Kurzarbeitergeld in Windeseile verlängert, die ohnehin schwer zu beantragenden Künstlerhilfen jedoch einfach auslaufen lassen. Noch ist der Suizid eines verzweifelten Musikerkollegen, an den Entertainer Ron Williams emotional erinnerte, ein tragischer Einzelfall. Doch umso wichtiger ist es, auch Kulturschaffenden endlich Rückendeckung und Hoffnung für den Weg durch die Krise zu geben. TOBIAS HELL

Auch interessant

Kommentare