Können auf Knopfdruck

München - Theaterbesucher in Berlin, Zürich oder Bochum kennen ihn. Doch obwohl Burghart Klaußner auch in Kinofilmen wie "Goodbye Lenin!", "Requiem" oder "Die fetten Jahre sind vorbei" spielte, fehlt ihm die ganz große Popularität. Das bekümmert den 58-Jährigen aber nicht.

Morgen startet "Der Mann von der Botschaft" des georgischen Regisseurs Dito Tsintsadze. Klaußner spielt hier einen Angestellten der deutschen Botschaft in Georgien.

Schauspieler Burghart Klaußner über seine Arbeit

und seinen neuen Film "Der Mann von der Botschaft"

Ihre Figur, der Botschaftsangestellte Herbert Neumann, ist ein sehr in sich gekehrter Zeitgenosse.

Schon der Name Neumann ist ja völlig nichtssagend, seine Arbeit belanglos, sein Privatleben quasi nicht vorhanden. Man erfährt nichts über sein Vor- oder Nachleben. Er ist gewissermaßen ein "Mann ohne Eigenschaften". Zu dem kann man sich alles Mögliche vorstellen.

Wie verleiht man diesem Charakter Kontur?

Die meisten Figuren, die man spielt, ob auf dem Theater oder im Film, werden nur in bestimmten Lebensausschnitten gezeigt. Für mich als Schauspieler ist es auch viel interessanter, eine Figur aus einzelnen Ausschnitten zusammenzusetzen und es dem Zuschauer zu überlassen, sich die Figur bis zum Ende auszuformulieren. Man muss nicht immer alles bis ins Detail erklären. Denken Sie an Bill Murray in "Lost in Translation" oder "Broken Flowers". Die Figur scheint wie vom Himmel gefallen, und am Ende verschwindet sie irgendwohin.

Herr Neumann steigt auch ins Auto und fährt weg...

Genau. In "Der Mann von der Botschaft" verhält es sich ganz ähnlich. Einen gewissen gedanklichen Rahmen gibt dem Zuschauer aber in diesem Fall dieses Diplomaten-Dasein. Das sind im Grunde alles Flüchtlinge, die alle drei Jahre von einem Land ins nächste ziehen. Freundschaften werden gar nicht mehr geschlossen, weil die Kontakte den nächsten Umzug ohnehin nicht überstehen. Zuhause sind sie auch nie. Und wenn sie wieder zurückkehren ins Auswärtige Amt, wissen sie eigentlich nicht mehr, was sie da sollen.

Im Film treffen sich also zwei Flüchtlinge: Ein zwölfjähriges Mädchen aus dem Lager und der stille Beamte, der gern am Computer spielt.

Ja, zwei Reisende ohne Gepäck. Die eine hat kein Gepäck, weil sie nichts besitzt. Der andere hat kein Gepäck, weil ihm alles hinterhergetragen wird. Auf eine merkwürdige Art sind sie beide und ihre Lebensumstände sich ähnlich. Unbehaust. Im Vorüberziehen. Zwei Personen befinden sich auf ihrem jeweiligen Lebensweg, und nur für einen ganz kurzen Moment kreuzen sich diese Wege. Es entsteht ein Funke, Licht. Und danach bewegen sie sich wieder voneinander fort.

Tsintsadze ist dafür berüchtigt, den Schauspielern nahezu keine Regieanweisungen zu geben.

Das stimmt. Diese offene, traumatisch anmutende Struktur seiner Filme, so unterschiedlich die ansonsten sind, erklärt sich dadurch recht gut. Am ersten Tag ging ich eine Treppe hoch, und er sagte nur: "Nicht so schnell." Damit war dann eigentlich auch das meiste gesagt.

Bevorzugen Sie Freiheit oder klare Ansagen?

Ich würde da nicht so einen Gegensatz aufmachen. Die Frontlinie verläuft gar nicht zwischen viel Regie oder wenig, sondern in der Konstellation Schauspieler und Regisseur. Wenn man gut miteinander arbeitet, wird man nicht unendlich viele Worte benötigen, trotzdem findet Regie in hohem Maße statt. Wenn es nicht passt, wird man viel reden müssen, trotzdem findet nicht wirklich Regie statt. Ich bin ohnehin der Ansicht, dass ein Schauspieler dazu aufgefordert ist, alles allein zu machen. Das Können muss auf Knopfdruck kommen. Erst anschließend gibt es die Anregungen der Mitarbeiter, die man zu berücksichtigen hat. Für das Spiel ist man absolut allein verantwortlich.

Das Gespräch führte Ulrike Frick

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